• Michelle Reznicek

Als wäre es nach dem Krieg


Die Züge fahren, die Geschäfte sind wieder offen und die Urlauber verstopfen mit Taschen und Rucksäcken den Bahnhof. Normalität könnte man meinen, so direkt nach den Sommerferien. Selbst die letzten Urlauber kommen aus ihrem «Paradies» zurück.

Man könnte meinen Corona hätte es nie gegeben. Wäre nicht die Masken-Pflicht – wir hätte es längst vergessen. Inzwischen lese ich: «Willkommen – Corona ist noch nicht vorbei.» Fakt ist, das das völlige Chaos an Regeln, die Bestimmungen die jede Woche ändern, revidiert werden und dann doch nicht wirklich gelten, weil jeder für sich eine Ausnahme macht, nun ihre letzte Konsequenz ziehen. Insofern: Es gilt eine strenge Masken-Pflicht! Ausser für… Nun bröckelt das System endgültig.

Die einzigen die die Regeln wirklich einhalten, sind die die vom Bund direkt bestimmt werden. zB. Schulen. Universitäten. Spitäler. Sie wirken wie die Hypochonder unserer Zeit. Während der Rest der Bevölkerung kaum etwas mitbekommen hat. Es gibt sogar solche, die weder in die Kurzarbeit, noch ins Homeoffice, noch Kinder aus der Schule nehmen, noch sonst irgendetwas mit der Pandemie zu tun hatten. Ganze Firmen die völlig unberührt geblieben sind, im Gegensatz zu jenen die nach dem Ganzen einfach nicht mehr existieren.

Gerade gestern habe ich am Radio gehört, wie man sich die sehr wichtige Frage stellte: Ob wir jetzt vielleicht zu wenig billigen Weihnachtsschmuck haben werden, weil auch in China alles im Lock-down war. Wow. Das sind die Fragen die wir uns heutzutage stellen. Ob wir den blöden Plastik-Weihnachtsmann kriegen. Wir sind in der Phase der Berichterstattung angelangt, wo der Mörder schon verhaftet und verurteilt ist, vielleicht schon 2 Jahre im Gefängnis, aber nun müssen wir nochmals ganz genau nachfragen, was für ein grässlicher Eindruck es wäre, gleich neben der "Mordwohnung" zu wohnen.

Seit einigen Jahren arbeite ich Teilzeit in einem Hotellerie-Betrieb. Zum ersten Mal seit seiner Gründung war der Betrieb komplett geschlossen. Nun fangen die Anlässe, Hochzeiten, Firmen-Treffen etc. ganz langsam wieder an. Kleine, vereinzelte, offenbar todesmutige Gruppen, die ebenso anspruchsvoll wie wandelbar sind – denn gestern hatten sie keine Befürchtungen - heute ist es bereits zu gefährlich. Es sind nur Tropfen übrig von dem was vor der Pandemie gelaufen ist. Das ganze, grosse Haus ist fast leer. Nach nun mehr 3 Entlassungswellen ist die Abteilung in der ich arbeite, auf 4 Mitarbeiter und 3 Chefs geschrumpft. Wenn man durch die Gänge geht, dann ist man manchmal völlig alleine. Es ist auf einmal still. Ganze Abteilungen sind unbesetzt.

Die Mitarbeiter die noch übrig sind, sind ausgesprochen freundlich zu einander. Obwohl in der Gastronomie gerne ein rauer Ton herrscht, ist fast jeder herrscht, freundlich und hilfsbereit. Wir sind die, die noch übrig sind. Es ist als herrschte eine Nachkriegszeit.


Es ist eine seltsame Beziehung. Trifft man sich bei der Arbeit, hat womöglich noch kein Wort miteinander gewechselt – und hat es auch nicht vor- doch trifft man sich irgendwo in der Fremde – so freut man sich riesig, denn man trifft jemand den man kennt – zu dem man auf irgendeine seltsame Art gehört. Uns verbindet nur unser Arbeitgeber, unsere Bekanntschaft ist weder Freundschaft noch selbst gewählt, und doch gehören wir auf irgendeine Art zusammen.

Doch wenn ich jetzt so durch die Gänge gehe, so sehe ich in Gesichter die noch immer ein wenig schockiert sind, von dem was sie erlebt haben. Wir haben nichts falsch gemacht. Wir haben nichts riskiert – uns nicht mit dem Chef angelegt – und trotzdem wurden wir heftig geschüttelt und haben keine wirkliche Erklärung dafür, warum wir noch da sind – und andere nicht. Und die Frage: dürfen wir bleiben, oder werden wir am Ende auch gehen? Wird das Geschäft weiter überleben? Dürfen wir unsere Stelle behalten? Stellt sich jeden Tag aufs Neue.

Vor fünf Monaten, war dem Betrieb nichts anzuhaben. Nun schaut er aus einem schwelenden Bomben-Loch heraus. Und warum hat es uns nicht erwischt? Erwischt es uns noch?

Eine Dame aus Ecuador erzählte mir, dass ihre Eltern sehr alt sein und dass sie um ihre Sicherheit fürchtet. Das in Ecuador das Gesundheitssystem nicht gut sei, und Menschen auf der Strasse sterben würden. Das es ein grosses Problem mit der Mafia gäbe, die gebrauchte 1-Weg-Hygienemasken, für 10 Euro das Stück weiterverkaufen.

Sie ist hier, sie kann nur über das Meer hinweg hoffen, dass alles gut wird.

Hier zu Lande wird darüber verhandelt, ob Menschen die in Risiko-Gebieten (Also nicht empfohlene Destinationen) Ferien machen, ihren Corona-Test selbst bezahlen müssen. Das nenne sich «verhältnismässig.»

Gleichzeit höre ich alle die neu berufenen Verschwörungs-Theoretiker. Ihre Aussagen reichen von: Alles nur erfunden, bis hin zu: Das ist nur Geldmacherei – und die die sterben sind ohnehin alt und würden auch ohne sterben. Diese Aussage sagt mir: ich habe niemanden zu verlieren.

Auf eine Art verstehe ich die Verschwörungs-Theoretiker. Wenn ich mir aussuchen könnte, zu glauben, dass das ein böser Mensch erfunden hat, oder dass es eine völlig unerklärliche, sinn freie, Willkür ist, die auf uns niedergeht, dann ist es angenehmer zu glauben, dass es jemand Böses getan hat. Das macht die Sache nicht so willkürlich. Nicht unerklärlich. Das gibt dem sinnlosen einen Sinn.

Dasselbe mit dem Klimawandel. Wenn ich mir aussuchen könnte, was ich glauben wollte, so würde ich auch glauben wollen, dass da einer «nur mächtig viel Geld machen will». Oder nur «schockieren will». Die Gewaltigkeit dieser «Katastrophe» ist anderenfalls zu gross für uns und die Lösungen die wir dafür bräuchten, würden grosse Anstrengungen, würden grosse Veränderungen bedeuten – Veränderungen die für uns Gewohnheitstiere beängstigend sind. Nur weil es eben Veränderungen sind. Lieber streiten wir uns wie die Kleinkinder, damit wir uns nicht mit dem Problem befassen müssen. Es ist nur menschlich. Doch es bringt nicht voran.

Auf eine Art, ist es so als würde ein unsichtbarer Krieg herrschen. Neben uns, hinter uns – dort wo wir es nicht sehen – sondern nur hören können. Doch wir machen Party dabei. Der Staat gibt nur: Empfehlungen heraus, oder nicht Empfehlungen. Wie der Barmann an der Theke, der dem Besoffenen sagt: "Bist du sich er das du noch etwas trinken willst?" Dem Barmann ist das Ausschenken an Besoffene verboten. Doch da ist natürlich der Umsatz, und der Gast – der eigentlich erwachsen ist und sich selbst entscheiden kann – seine eigene Verantwortung trägt und wie misst man "richtig besoffen" eigentlich. Einmal – vor einem Club kam einer auf mich zu und fragte mich wo sein Auto sei. Er war zu besoffen um sein Auto zu finden und konnte sich nicht mal sicher erinnern, ob er mit dem Auto gekommen war, mit dem er nachhause fahren wollte. So sind die Menschen. Und der Staat fragt: Wollen sie da wirklich hinreisen? Danach müssen sie aber in Quarantäne – für die wir ihnen dann einen Ausfall bezahlen und den Test noch dazu. So möchte ich auch bestraft werden. Mit zu Hause bleiben und Taschengeld bekommen.


Zitat:

Mir kaum bekannte Frau: «Doch doch ! Das ist alles gar nicht schlimm. Es gibt immer Viren ! Ohne Viren können wir gar nicht Leben!»

Völlig verwirrt starrte ich dieses doch recht leere Gesicht. Nun: Ich denke sie meint Bakterien.

«Hast du das schon einmal gehört bei 80 000 000 Menschen?» Ich denke mal sie meint 7 Milliarden – die ungefähre Anzahl der menschlichen Bevölkerung der Erde. Ist ja keine exakte Wissenschaft aber – also ungefähr nur 100 Mal mehr.

«Viren sind so klein – die Maske kann sie nicht aufhalten, das ist Quatsch – das ist nur ein Spuckschutz für die Ärzte.» Es geht um Wasser das aus unserer Atmung nach draußen dringt, und die Viren in sich tragen. Und die können von der Maske sehr wohl aufgehalten werden.

«Die sterben gar nicht an Corona – die sterben an irgendwas.» Nun gut ich bin sprachlos. Ich stehe da atme ein und aus und beschließe das die wertvolle Luft, mit der ich dazu Stellung beziehen würde, verschwendet wäre.

Schon in dem Moment in dem sie die Weltbevölkerung auf 80 Millionen minimierte sagte mir eine Stimme, dass jedes weitere Argument nur Verschwendung meiner Energie wäre. Auch das Viren und Bakterien dasselbe sind, ist mir bis anhin nicht bekannt gewesen. Ich bin nicht sicher ob die Milliarden lebenswichtiger Bakterien in unserem Magen beispielsweise, damit einverstanden wären, zu krankmachenden Viren ernannt zu werden. Allerdings – mit größter Wahrscheinlichkeit ist es ihnen egal.


Frau Nr. 1 «Meine beiden Kinder sind zum Glück schon etwas grösser, aber die Dame neben mir, hat es viel schlimmer - sie hat drei Jungs!» Allgemeines Mitleid aus der Gesprächsrunde.

« Ja ich habe drei Jungs und sie waren alle zuhause - das war wirklich furchtbar.»

Ich bin verwirrt. Ich höre so oft inzwischen Beschwerden darüber, das die "geliebten Sprösslinge" zuhause sind. Hat man sie nicht genau dafür? Man schickt sie in die Kita, in die Frühschule, Ganztagsschule, Internat und Sportklubs - um sie möglichst nie um sich zu haben. Ich verstehe das Fernunterricht sehr anspruchsvoll ist, aber ist es nicht auch einmal schön? Zeit miteinander zu verbringen, bevor sie so alt sind, dass sie besoffen schwankend auf der Bahnhofstrasse umhertaumeln? Seine Kinder wirklich mal kennen lernen, bevor sie sich entfremden? Oder hat man sie nur um seine "Pflicht" zu tun? Weil man eben "Kinder hat" man "macht das so"?

Wenn die häusliche Gewalts-Fälle während der Zeit, in der man endlich einmal wirklich Zeit miteinander verbringt, so nach oben schnellt, wie sinnvoll und real ist dann diese Beziehung?


Mann im Zug «Ich meine, ich lass mir davon doch jetzt nicht die Ferien verderben, wenn sie Panik kriegen müssen sie das Haus trotzdem bezahlen. Wir haben das Risiko ja geteilt, in dem wir die Miete geteilt haben.» Ja ne, ist klar. Von sterbenden Menschen würde ich mir die Laune auch nicht verderben lassen. Das geht gar nicht.

«Also wenn er nicht mit mir chillen geht, wenn ich ihn frage, dann muss ich auch nicht mit ihm chillen, wenn er mich dann fragt.» Allein das Wort chillen – macht dieses Treffen zum tiefgründigen Austausch nicht wahr?

Mir bekannte Frau: «Das ist alles nur Geldmacherei, als das mit der Maske kam, glaubte ich das ist ein Scherz!» Ja da glaubten wir vermutlich alle.

Dann die, die ihre Maske nur über dem Mund tragen. Also ich bin nicht für halbe Sachen. Zieh sie an, oder aus, aber das ist komplett idiotisch. Wenn man nicht weiss ob sie nützt: so nützt sie mal sicher nicht.

Wenn ich mir das alles so anhöre, bin ich überrascht von der Menge der festen Meinungen, die als «Wahrheit» verkauft werden, gar nicht als Argumentation.

Während ich nur sagen kann: Ich weiss es nicht. Ich fände es schön, wenn ihr recht hättet, damit dass es nur Unsinn ist. Aber so lange ich es nicht mit Sicherheit weiss - nehme ich Rücksicht auf meine Mitmenschen.

Aber einfach zu erklären, dass man es von seinem Hintern auf dieser Couch aus besser weiss, finde ich gar etwas frech.

Respektlos irgendwie gegenüber den Menschen die Tote zu beklagen haben. Respektlos gegen über den Menschen die Angst haben.


Zu guter Letzt: Wir sind noch da- doch da ist genauso willkürlich und unerklärlich wie alles andere. Wir hatten Glück – das ist die ganze Begründung. Glück das wir in diesem reichen Land wohnen, zu dieser Zeit und darüber "diskutieren" dürfen.


Wir sind noch da, doch deswegen macht unser Leben im Großen und Ganzen nicht mehr Sinn.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong