• Michelle Reznicek

7er Freitag - Ein Kind der 90iger


Irgendwann in den letzten Wochen habe ich irgendwo auf einem Post gelesen: die Dinge die man tun soll während des Lock-down. Eines davon war: Musik aus der eigenen Jugend hören. Mit einem verschwommenen Gedanken an Nena, bin ich darüber hinweg gescrollt.

Ich bin ein Kind der 90iger. Das bemerke ich erst dann wirklich, wenn die Musik aus dieser Zeit läuft. Nicht dass sie besonders gut wäre – oder dass sie mir besonders gefällt. Aber ich weiss es ganz genau. An dieser Musik erkenne ich auch, wenn jemand aus meiner „Alterskategorie“ ist. Einmal hat ein Arbeitskollege von mir seine iPhone Musik auf Zufall laufen lassen – und mir wurde bewusst – dieser Mensch muss gleich alt sein wie ich. Bravohits. Ich kann es gar nicht fassen. Dabei habe ich sie gar nicht aktiv gehört. Aber ein Teil von mir erinnert sich noch an sie. Als hätte sie sich irgendwie in mein Unterbewusstsein eingegraben Und ich begegne einem jüngeren selbst von mir.

Eigentlich habe ich Lieder gehört die noch älter waren als ich und so etwas wie einen „Musikgeschmack“ hatte ich erst viel später. In meiner Jugend liefen so Sachen wie: Nenas „99 Luftballons“ Falcos „Ganz Wien“ oder Tokio Hotels „Monsun“. Manches habe ich vergessen – anders verdrängt. Manchmal höre ich es noch gerne – ohne mich zu schämen. Okay. Für manches schon.

Ich erinnere ich daran, wie das Internet aufkam. Kein Scherz. Ich erinnere mich daran, als es noch erst so ein Gerücht war.

Ich war auch fester Überzeugung, ich würde nie einen Computer haben. Weder einen mit dem fetten Bildschirm – noch einen mit dem dünnen. Das Tippen-lernen in den Lehrplan der Schule aufgenommen wurde, passierte erst in der Zeit als ich in die Oberstufe ging. Von Frühenglisch noch keine Spur.

Ein Handy hatte ich erst mit 15 – und ich wollte keines. Ausserdem erinnere mich daran wie es war, als es noch keine gab. Zugegeben ich war noch klein. Aber ich erinnere mich, wie ich in Telefonbüchern blätterte – zum Spielen, nicht um etwas zu suchen und wie noch überall Telefonzellen standen.

Ich erinnerte mich noch daran, wie ich einmal eine Telefonzelle gesucht habe – nur um fest zu stellen, dass es keine mehr gibt. Früher gab es sie in jedem Einkaufszentrum. Münztelefonautomaten.

Sie waren immer da – und plötzlich waren sie alle weg.

Ich erinnere mich gut als an die erste CD – und dann DVD – als es keine Videos und Kassetten mehr gab. Ein Video in den Fernseher einzugeben – nur um dann ärgerlich festzustellen – dass man sie beim letzten Mal nicht zurück gespult hat. Das Geräusch der Kassette – wenn sie zurück gespult wurde. Ich sage heute noch manchmal Video – anstatt Film, oder DVD. Blu-ray boykottiere ich immer noch.

Ich weiss noch wie der erste Harry Potter Bank erschien. Ehe es ein so grosser Hyp war bei uns. Ich war erst 9 und die Buchverkäuferin meinte ich sein vielleicht noch zu jung um ihn zu lesen – was mich nicht daran gehindert hat. Und dann Jahr für Jahr das Warten auf den nächsten Band.

Als ich jung war – waren Hörbücher noch tatsächlich hauptsächlich für Hörgeschädigte. Erst mit der Zeit wurde es zum Medium für Jedermann.

Ich erinnere mich an ziemlich viele Veränderungen in meinem bisherigen Leben. So vieles ist passiert und an so viele Stellen haben mir Leute gesagt: von nun an wird alles anderes. Aber eigentlich hat sich nicht viel verändert.

Ich erinnerte mich den „Lotar“. Ich glaube die meisten haben diesen Sturm völlig vergessen. Aber ich erinnere mich noch gut daran. Damals gab es sehr viele abgedeckte Häuser – Bäume sind umgefallen wie Streichhölzer. Jahrelang konnte man diese Spur der Verwüstung noch ausmachen. Heute weiss man nichts mehr davon. Ich erinnere mich gut an unser Zelt. Es stand vom Sturm – völlig unberührt. Zwei der Vorzelte wurden in die Luft gehoben, über die Wohnwagen hinweg getragen und dort fast sanft abgelegt. Abgesehen von dem Schaden an Infrastruktur und einer leichten Kopfverletzung ist nichts geschehen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Immer wieder höre ich das „Wir“ die Generation Y sein. Die die nicht recht wissen. Vor uns die Rebellion – nach uns die die aus allem ein Geschäft machen. Wir die die nicht recht wissen. Wer hat denn das verteilt?

Bisher habe ich etwa 127’020 Tage gelebt. Wenn ich davon ausgehe, so alt zu werden wie meine Grossmutter – dann habe ich vermutlich noch etwa 262'800 Tage.

Ich erinnerte mich daran wie Facebook auftauchte. Wie ich das erste Mal auf dieser Plattform war. Wie gruselig und aufregend. Heute höre ich mir schon an, dass Facebook nur noch etwas für eine «Ältere» Generation sei.

Ich erinnere mich an mehrere „Wirtschaftskrisen“, in Zeiten in denen es auch das Geschäft meiner Eltern immer mal wieder geschüttelt hat. Und mir Leute sagten, wir wissen nicht ob noch etwas wird. Nun – wir sind nicht vom Planeten runtergefallen. Wir sind noch da.

Schluss und endlich kann ich sagen, dass die Zeiten sich immer verändern und nie wirklich sich etwas verändert. Jede grosse Krise ging irgendwann vorüber. Jeder Sturm hat sich gelegt, jede Veränderung wurde zur Normalität. Das einzig beständige ist der Wandel, nicht wahr?

Doch das lässt auch hoffen, dass auch dieser „Sturm“ der aktuell um uns tobt, irgendwann zu einer Erinnerung wird.

Und die letztliche Frage ist: was haben wir in den restlichen 262'800 Tagen unseres Lebens noch vor?

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong