• Michelle Reznicek

Ende des Lock-Downs – doch Abstand bewahren



Ein neues Szenario hat sich eingeschlichen: Ein Mensch steht vor mir, den Kopf gesenkt, die Arme halb ausgestreckt und schauen mich unsicher an. Das könnte eine Menge bedeuten, aber im Moment heisst das: Jemand möchte mich gerne umarmen. Das ist seltsam nicht? Das sah vor einigen Wochen noch etwas anderes aus, wenn das jemand gerne wollte. Eine seltsame Situation. Plötzlich ist es nicht mehr – will ich oder nicht- sondern darf ich, oder nicht.

Ich habe eigentlich nie besonders viele Menschen umarmt. Aber ich umarme Menschen die gerne mag. Und von denen gibt es mehr als ich gedacht habe – Gemässen an Umarmungen die nicht stattfinden. Versteht mich nicht falsch- ich bin kein risikofreudiger Mensch- aber bisher war das auch noch nie ein Risiko.

Vielmals muss ich mir jetzt angehören, dass man sich daran jetzt gewöhnen muss.

Sozial Distanzierung als neue Lebensphilosophie. Das ist Fortschritt. Und man rühmt sich für diesen Fortschritt für den Menschheit.

Das finde ich ja lustig, in einer Gesellschaft, in der Depression und Vereinsamung ganz an die Spitze der Volkskrankheiten wandert. Habt ihr euch das wirklich gut überlegt?

Alles wird desinfiziert und hypersicher gemacht. Dafür haben wir keine Abwehrstoffe mehr und brechen uns den Fuss, weil ein Teppich nicht mit Leuchtsicherheitsklebeband abgeklebt ist. Ich meine, wenn Künstler neuerdings um den Rand ihrer Bühne ein weisses Klebeband brauchen, oder womöglich ein Geländer zwischen sich und dem Publikum, dann stimmt etwas nicht mehr. Wenn ich nicht schaue wo die Bühne endet, wird mir ein Klebeband auch nicht helfen. Ausserdem sind es keine 12 Meter nach unten, sondern meist einer.

Menschen beschweren sich darüber, dass sie vereinsamen und niemanden kennenlernen und fangen daher an – im Internet, über Apps Dates und Freunde zu finden. Wer nicht sieht warum das paradox ist, hat sein Hirn wohl auch noch nicht upgedatet. Denn ehrlichgesagt – in Internet lernt man eigentlich nur das Internet kennen. Um Menschen kennen zu lernen, sollte man vielleicht mit Menschen reden.

Man manch ein riesen Theater darum, dass es so viele Arbeitslose gibt, und investiert gleichzeitig Milliarden darin, Roboter zu bauen. Ist das nicht Paradox? Gut vielleicht kann man es ja so machen – die Roboter kriegen einen Lohn – und wenn sie grosszügig darauf sind, können sie eine Patenschaft für einen Menschen übernehmen und einen monatlichen Beitrag leisten. Ganz so wie bei den Hilfswerken in Afrika, zum Beispiel. Man muss sich dann aber damit abfinden, dass der Roboter einen hören Stellenwert hat als der Mensch – denn der Roboter hat dann das Geld.

Die Faszination sich einen Roboter zubauen, mit Bewusstsein und menschliche Zügen, ist nachvollziehbar. Man möchte einen Menschen erschaffen – es gibt ja noch keine. Dann können Roboter in Zukunft für uns arbeiten, für uns Kriege führen und die Hausarbeit erledigen. Menschen können dann über die Sinnlosigkeit des Lebens jammern und sich dann in ihrer Ein-Mensch-Wohnung das Leben nehmen, weil sie keine Aufgabe im Leben finden. Arbeitslosigkeit, Selbständigkeit und Selbstmanagement, sind harte Brocken.

Wie definieren wir also Fortschritt? Ich würde sagen, Fortschritt ist: Frieden, Ende von Rassismus, Klimaschutz und Erhaltung von natürlichem Lebensraum, für Tiere – und macht euch keine Illusionen – gleichzeitig auch den für Menschen. Kein Fortschritt ist, wenn wir uns zurück zu Kleinkindern entwickeln, weil alles hypersicher, hypoallergen, superbenutzerfreundlich und vereinfacht wird. Und aufhören davon zu reden das alle gleich sind. Wir sind nicht alle gleich. Wir sind alle superverschieden. Und deshalb sind wir alle gleich viel wert.

Natürlich kann ich in der aktuellen Zeit niemandem empfehlen andere Menschen zu umarmen. Das gebe ich zu. Aber vielleicht überdenken wir den Plan das für die Zukunft beizubehalten und definieren nur die Dinge als Fortschritt, die tatsächlich ein Fortschritt sind. Denn ich werde in Zukunft wieder Menschen in die Arme schliessen, die ich liebe. Und wenn es mich ein paar Jahre früher ins Grab bringt, dann ist es mir das wert. Denn dann wird mein Leben glücklicher gewesen sein, als wenn ich in zwei Metern Abstand, verlegen eine Begrüssung umgehe.

In diesem Sinne, fühlt euch umarmt.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong