• Michelle Reznicek

Obligatorisch Intelligenz



Ab Montagmorgen soll es gelten. Die Pflicht eine Maske zu tragen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Diese Woche hat mir jemand, aus Gründen der Distanz, Corona-unabhängig pantomimisch etwas dargestellt. Zuerst dachte ich, ich würde gefragt warum ich lächelte. Dann bemerkte ich, dass sie die Stoffmaske um meinen Hals meinte.

Ich trage eine Maske. Schon seit drei Wochen. Ganz unabhängig ob es mir etwas nützt. Denn ich arbeite im Kultursektor.

Inzwischen sind Veranstaltungen zwar wieder erlaubt, doch niemand will sie besuchen. Eventanbieter haben das grosse Nachsehen. Sie dürfen wieder arbeiten – doch ohne Kunden. Die Unterstützung ist gestrichen – Gäste bleiben aus.

Auch in meinem Geschäft sind die Kunden noch sehr zurückhaltend. Da wir nicht mehr als 250 Plätze anbieten können, gehören wir glücklicherweise nicht zu den Grossveranstaltern, gehören also zu der Kategorie, die am ehesten noch gebucht wird, und für die es verhältnismässig unkompliziert ist, da wir nicht Einzelpersonen sondern meinst Gruppen empfangen. Doch andere, in der gleichen Branche haben das grosse Pech, dass Nachfrage und Erlaubnis teilweise bestehen, doch die Auflagen zu hoch sind. Sie bieten Einzelplätze an – und dürfen damit nicht mehr alle Plätze verkaufen. Sie müssen Abstand waren. Doch wer schon einmal an so einem Ort gearbeitet hat weiss, dass die Platzzahl in der Regel etwas damit zu tun hat, was das Unternehmen verdienen sollte um zu überleben. Wer nur noch einen dritten seiner Karten verkaufen kann – macht gar nicht erst auf, oder nur noch auf seine eigenen Kosten. Viele arbeiten im Kultursektor auch mal für eine runde Null. Lieber wieder einmal arbeiten, alle Fixkosten decken und nicht verdienen. Lieber wieder einmal Menschen sehen – und glücklich machen. Lieber arbeiten, als rumsitzen.

Bei Anfragen an unser Geschäft, werde ich häufig gefragt: Denken Sie, dass Sie, dass dann so durchführen können? Ich weiss es nicht. Wir sind wirklich Willens, es durchzuführen. Das kann ich sagen. Und wir würden noch Himmel und Hölle dafür in Bewegung sitzen. Doch was kann ich sagen? Die Vorschriften ändern jede Woche. Was im November geschieht – steht noch in den Sternen.

Und ich kann sagen: Von uns aus auf jeden Fall.

Ich habe mir eine Stoffmaske gekauft. Ich halte nichts davon unmengen Müll zu fabrizieren und ich finde es eine bodenlose Frechheit, dass die Pharmaindustrie anfängt die Preise nach oben zu schrauben – eine Geldmacherei aus einer Massenpanik. Doch was haben wir eigentlich gedacht? Wenn alle betrogen und ausgebeutet werden – für den reinen Profit dann doch auch wir. Das ist nur fair. Wenn Nestle den Leuten ihr eigenes Wasser verkaufen kann, warum dann nicht auch uns? Das Schönste dabei ist ja, dass die Pharmaindustrie kein gesichtsloses Monster ist – es ist ein Monster das aus tausenden Menschen besteht. Und jeder leistet seinen Beitrag.

Irgendwie bin ich erleichtert über die Maskenpflicht. Nicht primär wegen der Pandemie, sondern darüber, dass ich nun nicht mehr so viele böse Blicke treffen. All jene die sich davon «beschnitten» und beleidigt fühlen, dass andere eine Maske tragen. Es tut mir leid, das sagen zu müssen – doch Probleme zu ignorieren heisst nicht, dass sie von allein weg gehen. Wann wurde es nur so modern, nur noch auf sich selbst zu achten? Und nicht einmal vorausschauend, sondern nur gerade jetzt?

Versteht mich nicht falsch, diese Masken sind nicht bequem, aber niemand hat behauptet sie wären es. Und wenn sonst keine natürliche Intelligenz gegriffen hat ... dann muss eben dass sein.

Und vielleicht ist es mehr ein Zeichen. Ein Zeichen für den Kultursektor, der unter der Pandemie zu leiden hat. Ein Zeichen für die Schwächeren unter uns. Und ein Zeichen dafür, dass es Menschen gibt die ich liebe, und Ort die es zu beschützen gilt. Denn wenn wieder eine Schliessung bevorsteht, musst sich wieder Wochenlang aufs Tanzen verzichten, muss ich wieder wochenlang um ein Geschäft bangen – und um Menschen wie meine Grosseltern, meine Freunde und meine Familie. Sie alle kann ich mit einer Maske nicht beschützen. Doch ich kann ein Zeichen sein. Eines unter vielen tausenden. Gebt euch bitte Mühe. Gebt euch doch bitte sorg. Und schlimmer für mich als wenn es mich treffen sollte, ist es, wenn es meine Schwester trifft, einen meiner Freunde – oder irgend einen Menschen der mir mehr beutet, als eine plattgedrückte Nase. Viele Menschen sehen es als persönliche Beleidung und Freiheitsberaubung. Liebe Leute. Ihr hab doch keine Ahnung was Freiheitsberaubung ist. Ohne Schuld eingesperrt, zwangsprostituiert oder seinen Organen beraubt werden – das ist Freiheitsberaubung. Wir fahren in klimatisieren Zugwagons, für ein paar Wochen mit einer sterilen Maske. Wir kriegen keine Niere aus dem Fleisch geschnitten. Wir werden nicht eingesperrt, weil unsere Nase jemandem nicht passt. Wir jammern hier auf einem sehr hohen Niveau.

Letztendlich sehe ich es wie mit dem Regen. Ich trage einen Schirm um nicht nass zu werden. Und ich habe dies, noch nie als persönliche Beschränkung gesehen, selbst wenn sich noch jemand bei mir untergestellt hat.

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Bilder: Mary Hong