• Michelle Reznicek

6er Freitag - die seltsamste aller Zeiten


Es ist eine merkwürdige Zeit. Eigentlich höre ich mich, das sehr oft sagen. Oft stimmt es auch. Aber wann ist eigentlich eine: Nicht merkwürdige Zeit? Vielleicht bemerkt man die einfach nicht, wie die Zeit, wenn man keine Schmerzen hat.

Trotzdem ist gerade jetzt eine seltsame Zeit. Ich glaube schweizweit stehen die Menschen ein wenig unter Stock. Wir können alle nicht glauben, dass man uns tatsächlich zu Hausaurest verdonnern konnte. Das eine Krankheit, so «schlimm» sein konnte, dass es sogar uns betreffen konnte und nicht nur ein «Armes weitentferntes Land».

Allmählich macht diese Zeit mein Unterbewusstsein mürbe. Inzwischen träume ich schon davon, zu arbeiten. Ich bin bei meinem Aushilfsjob, in meinem «normalen» Job – und schliesslich in meinen Tanzstunden. Wenn das nur alles bezahlt wäre.

Vom Ausspannen bin ich weit entfernt. Vielleicht einfach deshalb, weil ich gerne arbeite. Ich fühle mich dann nützlich. Nützlicher jedenfalls als all die schönen Nachrichten von Menschen die nichts Besseres zu tun haben, als irgendwelche Verschwörungstheorien zu posten. Wenn man es so liest, kann man durchaus ins Lachen kommen. Ich glaube manch ein Stand-up-Comedian hätte gerne eine solch blühende Fantasie. Sie könnten die Leute mit diesen Bizarritäten wenigstens zu Lachen bringen. Aber wie es aussieht, meinen es diese Menschen wirklich ernst, und das mach mich traurig. Nicht nur welche Zeit und Energie sie aufwenden um so etwas zu posten – sie glauben es auch noch. (Was ich nicht glauben kann.) Ich frag mich häufig – ob ihnen wohl so langweilig ist. So etwas kann man sich nur einfallen lassen, wenn man sonst nichts im Leben hat. Oder wollen sie vielleicht andere damit schockieren? Schockiert sind wir ja – aber über die Menschen.

Andererseits, denke ich manchmal, dass es vielleicht die Suche nach einem tieferen Sinn ist. Bedeutungslosigkeit ist betäubend. Einfach zu akzeptieren, dass etwas ist – wobei aktuell ja nicht gerade wenig Menschen sterben – ganz ohne Grund, ohne Bösewicht und Verantwortlicher – niemand dem man die Schuld geben kann (Auch wenn sie nicht unversucht lassen). Das kann schon sehr bedrückend sein. Das gebe ich offen zu.

Zeitgleich zeigt sich der Mai im schönsten Gewand.

Der Himmel könnte nicht blauer sein. Die Sonne nicht stimmiger durch die Blätter fallen. Die Blätter können nicht mehr wie ein grüner Lampion erschienen. Schöner könnte das Wetter wirklich nicht sein.

Es ist nahe daran heiss zu sein – doch noch nicht ganz. Der Wind bringt eine kühle Erfrischung, gemeinsam mit weissen Wattewolken.

Es ist jene Zeit im Jahr, in der das Rauschen der Bäume zur schönsten Melodie wird.

Die Jahreszeiten überraschen mich immer wieder. Obwohl ich sie ja jeweils schon 120 Mal gesehen haben muss (Man höre und staune).

Es überrascht mich immer wie ich so komplett vergessen kann, wie es sich anfühlt, wenn es Sommer wird. Als hätte ich es noch nie gesehen. Und dann, dann wenn ich es am wenigsten erwarte, kommt ein Fetzen einer Erinnerung hoch. Es riecht genau wie damals – oder es sieht genau aus wie damals – oder es fühlt sich genauso an wie da als … Manchmal erscheint die Vergangenheit zum Greifen nah. Als müsste man nur sich nur ein wenig strecken – und dann würde man sie erreichen. Dann wäre man nochmals bei diesem Moment – diesem Menschen – oder den Dingen die unerreichbar sind.

Es gibt die Theorie, dass alles im gleichen Moment geschieht. Dass alles gleichzeitig ist. Diese Vorstellung tröstet mich ein wenig. Dann wären die Menschen die gestorben sind, oder die Zeit die vergangen ist, nie ganz verloren.

Man stelle sich vor – ein Baum würde im gleichen Moment aus seinem Samen keimen, in die Höhe schiessen, und zugleich vergehen. Das ist ein lustiges Bild für mich.

Zur gleichen Zeit würden wir geboren, wir schossen in die Höhe, wir lachen und weinen und sterben im selben Moment. Wir griffen und liessen eine Hand im selben Moment los. Wir wären glücklich und traurig im selben Moment. Geborgen und allein.

Manchmal wenn ich die Baumwipfel im Sonnenlicht betrachte, kommt es mir so vor - Als fehlte nicht viel und ich könnte dort hinüber gehen, wo all das Vergangene ist. Und vielleicht erkannte ich dann einen tieferen Sinn. Und der Sommer wäre endlos und vorbei.

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Bilder: Mary Hong