• Michelle Reznicek

Das perfekte Bild


Vor einem kitschigen, blassblauen Himmel, steht eine junge Fotografin – mitten in einem wundersamen Lavendelfeld.

Der Wind weht ihr perfektes, weisses Kleid auf, während sie ihre schöne, superteure, schwarze Kamera ans Gesicht hebt – doch scheinbar bemerkt sie, dass sie fotografiert wird, denn sie wendet dem eigentlichen Fotografen den Blick zu und lacht auf - Für den vermeintlich perfekten Schnappschuss.


Wir kennen sie inzwischen alle. Die perfekten Bilder und die perfekten Leben, schön ordentlich abgebildet auf der Instagram Darstellleiste.

Und immer wieder hören viele von uns auch, was für ein negativer Einfluss, diese vermeintlich «perfekten» Bilder auf uns haben. Viele vergessen was Instagram inzwischen eigentlich ist. Ein Werbebroschüre für das Leben der jeweiligen Instagramer. Mache von Ihnen achten sogar bei der Kachelleiste ihres Profils darauf, dass die Bilder insgesamt farblich zu einander passen. (So organsiert bin ich selten auch nur bei meinen Socken.)

Selbstverständlich wird uns daher nichts Negatives präsentiert – es sei denn es passt zum Image. Selbst das angeblich: Ach so hässliche, ungeschminkte Selbstportrait, ist nichts anderes als das Sponsoring, einer grossen Firma bei einem Sozial Projekt. Es soll Sympathie erzeugen. Und mal ehrlich – das Portrait ist niemals «hässlich». (Trotz: Kreisch – ungeschminkt) Und suggeriert uns, dass die glücklichen Instagramer 24 Stunden am Tag immer perfekt aussehen und dabei unglaublich glücklich sind.

Schliesslich zeigt die Tourismusbranche gerne den kitschigen Sonnenuntergang und die sympathische Kellner-Brigade – der verdreckte Strand oder das sterbende Korallenriff sind keine Kassenschlager. (Geschminkt oder ungeschminkt). Realität in einem Werbekatalog zu erwarten, ist äusserst naiv.

Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die sich wegen Instagrambildern, das Gesicht operieren lassen. Sei es nun eine Nasenkorrektur oder permanentes Make-up. Es scheint als wollten sie es ähnlich halten, wie die Künstler die gerne auf Instagram, ihr Können zur Schau stellen und immer Ausgefalleneres zeigen - doch wer «nur» mit seinem Aussehen bestechen will, will dann eben seine Nase optimieren. Gerne mit Instagram-Dokumentation um auch anderen von dieser "tollen Idee" zu berichten.


Mein Fotografie Lehrer, meinte diese Woche: Sie machen Selfies mit dem Handy, und vergessen, dass das Handy das Bild verzieht und rennen dann zum Schönheitschirurg um sich die Nase zu korrigieren, anstatt eine anständige Kamera zu kaufen.

Was in einem Satz witzig klingt, ist in Wahrheit unglaublich traurig.

Die Realität verliert an Kontur, wenn man sich selbst nur noch nur einen Filter sieht.


Viele haben inzwischen natürlich die Kamera gekauft. Die wenigsten Bilder auf Instagram sind heute noch so mit einem Handy gemacht, so wie das Instagram gerne suggeriert: Einfach das Handy heben, und den perfekten Body zeigen - vor einem gerade zufällig perfekten Hintergrund, Sonnenunterlang oder Tiny-House - oder zur Not gleich beides.

Die Einstellungen auf dem Handy sind natürlich begrenzt, selbst mit einem ach so tollen IPhone 11.


Trotz allem bin ich immer wieder sehr beeindruckt, von der scheinbaren Leichtigkeit mit der junge Instagram -Nutzer, Fotos machen, sei es nun mit einer Profikamera oder nicht. Denn wenn ich eines bei meinem Fotografie-Kurs lernen durfte, dann wie gross der Zeitaufwand ist und wie schwierig Fotografie sein kann, ob man es nun als Künstler, Leihe oder Marketing betreibt. Die perfekten Subjekte laufen in der Realität selten so schön abgepackt an einem vorbei wie auf Instagram, und die Lichtverhältnisse sind selten so perfekt, wie mit einer zehnteiligen Lichtausrüstung.

Und ausserdem ist nebst diesen Problemen, für eine Laie so eine Kamera erstmal hauptsächlich eines: Ein kleiner Wunderkasten voller Technik, mit sieben Siegeln. Bei denen man meinen könnte, ihr Verständnis würde einen Flaschengeist befreien, so kompliziert kommen sie im ersten Moment daher.


Nach dem wir alle gerne Dinge benutzen, von denen wir eigentlich gar nicht wissen, wie sie funktionieren, wie z.B. Fernseher, Radios, oder Smartphones war ich doch überrascht, dass der Fotokurs mit dem Blick in eine Kamera begann.

Ich erkannte, dass ich noch meilenweit von dem Bild der jungen Frau im Lavendelfeld entfernt war, aber zum ersten Mal im Leben verstand, warum eine Kamera ein Klickgeräusch von sich gibt. Auch wenn ich noch immer minutenlang, auf den kleinen Display starre, und nicht verstehe wo ich die Zeitverschlüsselung umstellen kann. (Und warum zu Hölle schon wieder der Selbstauslöser drinnen ist…)


Gerne spricht man in der Fotografie auch von der Bildgestaltung und wie wichtig sie ist. Wenn man allerdings das Bild von dem Beispiel-Fotografen betrachtet, wo er ein Schiffsfrack vor dem kitschigsten aller Himmel fotografiert hat, wage ich zu bestreiten, dass das nicht auch zu einem sehr grossen Teil das Objekt war. Mittelline und Dreiteilung hin oder her. Nicht umsonst reisen die Instagramer heutzutage zu den perfekten Orten, für beeindruckende Fotos – z.B. zu einem bekannten Lavendelfeld.


Realität ist nicht immer Realität. Manchmal ist es schlicht ein Blickwinkel drauf. Als gute Fotografen müssen wir das Stativ ein wenig verschieben um zu fotografieren, was andere sehen sollen.

Doch weit wichtiger ist, dass wir als Betrachtet uns fragen: Was man uns sehen macht.

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