• Michelle Reznicek

Der Frühling und die Veränderung


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Es wird Frühling. Soviel ist sicher. Die ganze Welt weiss das.

Obwohl ich mein ganzes Leben in der Schweiz gelebt habe, hier geboren bin; überrascht mich der Wechsel der Jahreszeiten jedes Mal aufs Neue, als sähe ich es zum ersten Mal. Fast eben so sehr, wie die Vorstellung eines Ortes, ohne Jahreszeiten.

Tote Bäume im Winter. Blühende Bäume im Frühling. Grüne Bäume im Sommer. Bunte Bäume im Herbst. Vogelgesang, den man erst in dem Moment vermisst, wenn er wieder da ist.

Im Sommer kann ich mir die kahlen Bäume des Winters nicht mehr vorstellen. Im Winter nicht das weisse Blühen des Frühlings.

Eine einzelne Jahreszeit scheint für sich allein endgültig zu sein. Natürlich erkennt ein geübtes Auge, die Knospen im Winter an den Ästen, die sich bereits für den Frühling vorbereiten. Doch sie sind so gut getarnt, dass ein jeder überrascht wird, wenn die Äste der Bäume bei den ersten warmen Sonnenstrahlen "Aufknallen wie Feuerwerkskörper".

Jedes Jahr warte ich auf die ersten Schneeglöckchen und Krokus. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich aus dem Boden dringen. Doch wenn Sie einmal da sind, geht alles ganz schnell. Nur einmal Blinzeln und nichts erinnert mehr an den "kahlen Winter".

Die schönste Zeit des Jahres ist plötzlich einfach da: Denn nun beginnen die Bäume Blüten zu tragen. Und nichts ist so schön, wie wenn 20 Apfelbäume nebeneinander schneeweisse Blüten tragen.


Der Winter verschwindet und das Frühjahr beginnt. Es liegt so viel Veränderung in der Luft. Es ist so viel Veränderung, dass alles andere dahinter erdrückt wird. Kein Gedanke mehr an das vergangene Jahr – es ist viel zu viel los. Das Leben gleicht dem Baum voller Knospen: An jenem Ast zig Projekte - der Baum dahinter kaum mehr zu sehen.


Die meisten Menschen sterben am Ende des Winters, ehe es Frühling wird. Nicht wie angenommen: Wenn der Winter beginnt und die Tage immer dunkler und kälter werden. Es im Frühling – denn trotz all seiner Schönheit, ist er auch sehr anstrengend, denn er möchte sehr viel – Veränderung.


Der Frühling macht mich ungeduldig. Ich kann nichts abwarten; und reisse gerne 20 Projekte auf einmal an. Es ist nichts unmöglich. Und dann fällt mir ein – mitten in all den neuen Projekten: Dass Neues ja Veränderung bedeutet – und ich Veränderung ja gar nicht mag. Denn nichts wird je wieder so sein wie zuvor.

Selbstverständlich: Veränderung ist unabdingbar – sie sichert unser Überleben. Denn ohne den Wechsel vom Samen zum Weizen würden wir verhungern.

Und ja, ich habe auch davon gehört: Jede Veränderung ergibt neue Chancen. (Soweit die Behauptung) Und man sollte dankbar sein für jede davon.

Doch manchmal kann ich nicht dankbar sein. Ich bin nicht dankbar um diesen Frühling, der mir meinen besten Freund gestohlen hat. Ich bin nicht dankbar, dass nun sein Platz frei geworden ist und jemand Neues kommen kann. Nein. Ich bin nicht dankbar für diesen Frühling und all die Chancen die er mir bringt. Egal wie intensiv über nachlassende Corona- Massnahmen und sogar Maskenpflicht debattiert wird. Dieses Jahr mehr denn je: Ich würde alles her geben, wenn ich nur einmal auf die Bremse treten könnte. Wenn mein Protestgeschrei irgendein Gewicht hätte.

Ich bin so richtig undankbar. Vielleicht weil mich niemand gefragt hat. Weil mich nie jemand fragen wird. Weil mir nur bleibt, mich kopfvoran in meinen «Latte Art- Kurs» zu stürzen und mit Tulpen und Farnblättern aus Milchschaum meine Trauer zu übermalen. Und darüber können mich nicht alle Schneeglöckchen dieser Welt hinweg trösten. Nicht die Heutigen - und nicht die Zukünftigen.


Gerade – ist vor meinem Fenster die «Blaue Stunde.» Ein Begriff der vermutlich hauptsächlich in der Fotographie verwendet wird. Diese blaue Stunde- die das Licht blau zu färben scheint – ist ganz anders als die, die im Sommer sein wird. Nun ist es ein unglaublichen hellblau – im Sommer mehr ein indigo. Vor einem Jahr kannte ich diesen Namen noch nicht. "Blaue Stunde"

Doch ich habe im letzten Jahr sehr viel neues Wissen angehäuft. Ich bin älter und mutiger geworden. Ob ich weiser geworden bin? Schön wärs. Doch dazu war Veränderung nötig. Aber ob ich mich für sie entschieden hätte, hätte man mich vor die Wahl gestellt? Wohl kaum.


Und doch gibt es nichts daran zu rütteln. Es ist sicher. Die Schneeglöckchen sprengen überall aus dem Boden. Die Tage werden länger. Die Bauern fahren ihre ersten Runden mit dem Tranktor. Die Tage schreiten gnadenlos voran. Draussen höre ich die Glocken der Schafe auf der Weide. Die Ersten dieses Jahr. Das Eis geht zu Regen über. Das Blau des Morgens verliert sich.

Es wird Frühling. Wer weiss, vielleicht macht ihn dieses Mal eine Milchschaumblume – irgendwie erträglich.

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