• Michelle Reznicek

Der Materialist und der Minimalist



Als Kind und Jugendliche hatte ich das Bedürfnis alles zu sammeln. Jede Kleinigkeit aufzuheben um die Erinnerung an dieses oder jenes niemals zu verlieren. Der Gedanke, dass ich es vielleicht irgendwann noch einmal brauchen würde, hielt mich immer wieder davon ab, auch Bahn-Billette einfach weg zu schmeissen. (Das klingt jetzt vielleicht nach viel, aber ich fuhr zu dieser Zeit höchstens dreimal im Jahr mit den Öffentlichen Verkehrsmittel.)

Jahrelang habe ich sogar alte Schulsachen aufgehoben. Wer hat auch die Kügelchen aus den Tintenpatronen gesammelt? Ich war eine davon. Also Sammler – nicht Kugel. Aber ich behielt auch Bücher, Schreibhefte und Strafbüchlein.

Letztes Jahr habe ich alles weggeben. Zusammen mit Biefmarken-Sammelalbum, totgehörten Musikalben und Dingen die ich doch nie machen werde.

Plötzlich war es zu Ende mit Sammeln.

Meine Schullehrerin betitelte mich einst mit: du bist der ordentlichste Chaot den ich kenne. Und das bin ich heute noch. Chaotisch – doch beim meisten weiss ich, wo ich es finde.

Viel habe ich vom Mindsetting gehört. Das heisst, von Gedanken-Hygiene und Co. Ich bin ein grosser Pessimist und finde immer den Worstcase des Worstcase. Ich muss mich vorstellen? Du bist zu dumm dazu. Ich muss zuvorderst stehen? Ich kann das nicht. Ich veröffentliche ein Buch? Das wird niemand interessieren. Ich bin ein Meister darin.

Trotz vieler guter Begriffe habe ich es nie auch nur im Kern umsetzten können, irgendetwas von dem Chaos in meinem Kopf zu beseitigen.

Irgendwann fiel mir Marie Kondo vor die Nase. Okay – vielleicht sag ich besser: Ihr Buch. Viele werden jetzt die Augen verdrehen, denn der Hyp um sie ist tatsächlich riesig. Ich kann mich höchstes damit verteidigen, dass als ich mit ihr anfing, es noch nicht so bekannt war. So oder so, trotz allem ich bin ganz offen ein Anhänger von ihr. Selbstverständlich ist sie etwas extrem, von niemandem würde ich verlangen die Karotten aufrecht (!) in den Kühlschrank zu räumen- wie eine Karottenarmee – aber ihr Buch fand ich sehr interessant. Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art wie ihre Gedanken formuliert sind. Was mir selten passiert bei einem Ratgeber/Sachbuch. Die meisten gehen wir so auf die Nerven, wenn sie verkünden die Lösung für alles zu sein. Oder so langweilig sind, dass ich die Zusammenhänge verliere. Maries Methode funktioniert – erst die zweite funktionierende, die ich aus einem Buch gelernt habe.

Von ihr aus forschte ich weiter nach der minimalistischen Lebensweise. Ich habe noch nie zuvor davon gehört. Ich kannte es gerade mal so von der Kunst her. Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass ich davon lesen musste und nicht selbst darauf gekommen bin.

Daraufhin räumte ich meinen Lebensraum – und schliesslich auch mein Leben leer. Das eigentlich überraschte für mich war, nicht nur welche Gefühls-welt damit verschwand, sondern auch dass obwohl ich Müllsäcke, Kleiderabgabesäcke und Altpapierstapel füllte, ich mich in meiner fast leeren Wohnung umsah – und einfach nicht sagen konnte was fehlte. Es fehlte Nichts. Aber es war auch deutlich Nichts mehr da. An dreiviertel der Dinge hatte ich nie gehangen.

Und auch bei den Dinge von denen, ich wusste das ich sie weg gegeben hatte - ich liess sie los -und sie fehlen mir nicht.

Plötzlich waren Pläne umsetzbar und überschaubar. Auf einmal ist mit einmal Staubsaugen das Aufräumen getan. (Und ich muss mir auf die Zunge beissen, wenn ich in fremden Wohnungen bin die mich schier erschlagen. Holla. Zwangsstörungen sind doch ansteckend.)

Ich verstehe durchaus jemanden der die Materie schätzt. Schöngestaltete Häuser – Überfluss – Museen – Kaufhäuser, alles schaue ich mir gerne an. Und bin meist heilfroh, dass ich nichts davon mitnehmen muss. Plötzlich fühlte es sich so an, als ob die Materie mehr Raum braucht als ich.

Materie bedeutet Sicherheit. Seit der Urzeit versuchen wir alles zu sammeln – um unsere Sicherheit – unser nacktes Überleben zu sichern. Doch heute und in diesem Land sind wir so reich, dass die Materie nahezu nichts mehr bedeutet als dieses, damals durchaussinnvolle, Bedürfnis nach Sicherheit zu stillen. Dieses unstillbare Bedürfnis nach Fülle. Die die Leere verdreckt.

Nach dem Aufräumen und sortieren ist nicht alles verschwunden. Finde ich auch überhaupt nicht sinnvoll. Was man lieb soll man behalten. Es gibt keinen vernünftigen Grund es weg zu geben. Im Japanischen Glauben, kann jedes Ding, das man liebt, hegt und pflegt eine Seele bekommen. Einen «Kami» einen «göttlichen Funken». So sind die Dinge die wir lieben, nicht wirklich nur Dinge, oder?

Zurück geblieben sind die Dinge, die ich schon zuvor als wichtig erachtete hatte – mein PC mit meinen Büchern, meine Tanzsachen, meine Arbeit, meine Katzen – und meine Erinnerungen.

Okay und natürlich mein Pessimismus und meine Worstcase Gedanken. Aber immerhin nur noch einer zur selben Zeit.

Schluss und endlich muss es jeder selbst wissen, was ihn glücklich macht. Solange er es weiss ist alles gut.

Regeln für den Minimalismus: Vergiss Multitasking. Ceep it only once. (Soll heissen gleich versorgen, nicht nur einmal benützen) Ceep it simply.

Bewahre was du liebst, und lass den Rest gehen. Ganz egal ob es viel oder wenig ist.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong