• Michelle Reznicek

Der ungebetene Gast


Der ungebetene Gast


Ja. Ich weiss. Letzten Monat – da war irgendwie kein Blog-Beitrag von mir. Nirgendwo.

Das interessiert sowieso niemanden. Jetzt haben sie nur noch zusätzlich die Gewissheit, dass du nicht nur nervig sondern auch noch inkonsequent bist. Ausserdem – hör mal willst du das hier wirklich schreiben? Dann schreib dann eh wieder jemand, in die Kommentare bei Facebook, dass du blöd bist und verschwinden sollst. Das war beim Letzten Mal ja schon so super. Weisst du noch wie lange du dich darüber aufgeregt hast? Ich weiss es noch: Zwei Wochen.

Letzte Woche, gerade als ich meinen Blog-Beitrag fertig machen wollte, kam die Nachricht von meiner Verlegerin. «Wie machen wir die Buchvernissage? Wie viele Bücher sollen wir bestellen?» Solche Veranstaltungen sind schon anspruchsvoll genug, auch ohne das man eine 3G Regeln berücksichtigen und Leute nach ihrem Impfstatus fragen muss. Und ich fühlte mich leicht überfordert damit. Zeitgleich fand der erste grosse Anlass seit zwei Jahren statt, den ich mit organisiert hatte. Und in dieser Woche, in der Schlafen und Essen nur noch optional war, wurde alles andere Nebensache.

Ach ja? Du bist doch nur zu faul. Und zu dumm. Vergiss nicht. Zu dumm um deine Sachen geregelt zu kriegen. Es ist nur ein Beitrag im Monat. Herrgott noch Mal. Andere posten jeden Tag.


Ach – Hallo - Lieber Innere Kritiker. Da bist du ja mal wieder. Und du bist wieder einmal auf Hochtouren. Aber zumindest kann ich dich gerade von meiner inneren Stimme unterscheiden. Du kritisierst mich ja "nur" - die Innere Stimme kann etwas mehr. Aber du kritisierst ja nicht nur mich. Manchmal kritisiert du dich sogar selbst.

Oh Mann, musst du dich wieder niedermachen? Herrgott noch einmal das kostet dich Kraft und Konzentration und du bist ohne hin schon nicht so gut wie die anderen. Wie dumm ist es eigentlich sich dauernd nieder zu machen? Überall das den anderen, die machen das sowieso!


Eigentlich können wir oftmals, gar nicht von einem Inneren Kritiker reden. Schliesslich besucht ein Kritiker nur die Show und gibt dann seinen Verriss ab. Wir lesen ihn, regen uns auf, und die Zeitung wandert ins Altpapier. Es ist eher ein Innerer Diktator, nach dessen Pfeife wir tanzen.


Eigentlich ist er da um uns in Balance zu haben. Ja – er hat tatsächlich einen Zweck. Doch man muss seine Motive genau durchleuchten. Will er uns wirklich anspornen besser zu sein? Will er uns wirklich dazu bringen unsere Leistung im Angesicht von äusserer Anerkennung und grossspurigem Lob, noch realistisch zu betrachten? Oder ist seine Stimme zu laut und unerbittlich? Schrumpft unter seiner Kritik alle Leistung auf ein Nichts zusammen? Bringt er uns davon ab, unsere Leistung anzuerkennen und uns so besonders zu fühlen wie wir sind?

Oder nehmen wir ihn als Ausrede? In dem wir uns von ihm, davon abbringen lassen Dinge auszuprobieren, von denen wir noch nicht wissen, ob sie klappen werden? Denn wir wissen ganz genau: Wenn er uns von dem Versuch abbringt, dann können wir sagen: Ich hab mich nicht getraut. Dabei können wir uns eine bequeme Hintertür aufhalten: Hätte ich mich getraut wäre es sicher grossartig geworden. Der Kritiker weiss genau: Wie viel besser und angenehmer es ist, es gar nicht erst zu versuchen. Ausserdem viel weniger anstrengend. Und viel weniger schmerzhaft, als wenn wir sagen zu müssen: Ich habe versagt.


Ein wenig haben wir ein Bild von ihm, in unseren Köpfen – genährt von vielen TV Sendungen. Der Innere Kritiker in Gestalt des Restaurantkritiker. (Ein Mensch, der in der Erscheinung schon sehr unsympathisch ist, jedes Haar in der Suppe findet auch wenn keines drin ist – das Geschirr umdreht und unter den Tisch kriecht. Restaurantbesitzer und Kellner zittern vor ihm. Und das alles, wärend wir sicher und amüsiert – vielleicht auch ein bisschen angenehm gegruselt, auf unserer Kautsch sitzen.)

Sag mal: Willst du wirklich so viel von dir Preis geben? Du machst dich nur wichtiger und klüger, als du bist und ausserdem machts dich verletzlich. Das ist eine dumme Idee. Verletzlich ist immer eine dumm Idee.


Ich stell mir vor, er sitzt auf der linken Schulter. Irgendwo dort, wo er sich ausserhalb des Gesichtsfeldes befindet. Er ist nicht sichtbar – doch dafür umso hörbarer. Und er spricht mit sehr vielen verschiedenen Stimmen. Sein Repertoire ist gross. Manchmal tarnt er sich mit Stimmen von Freunden oder er spricht mit der Stimme unserer Eltern und Familienmitgliedern. Manchmal spricht er hintertückisch mit einer Stimme, die wir nicht von unserer eigenen unterscheiden können. Manchmal aber auch mit Stimmen, die wir gar nicht kennen - nur in unseren Köpfen real. Und er redet so viel, dass seine Stimme schon so gewöhnt ist, dass wir kaum mehr wahrnehmen, dass jemand spricht.

Man kann nicht sagen, dass der innere Kritiker dumm wäre oder dass seine Argumentation nur ins Leere gingen. Er kennt uns gut.


Manchmal stellte ich mir vor dass er müde wird. Nach machen anstrengenden Tagen. Er ist ein kleiner überarbeiteter Spiesser in meinem Kopf, der nie eine Pause darin macht, mich beschützen zu wollen.

Es bringt nichts seine Stimme zu ignorieren. Sie wird noch nur lauter. Was uns bleibt, ist ihm gelassen anzuhören und seine Worte auf die Wahrheit zu prüfen. Was möchte er uns gerne sagen? Und was wollen wir daraufhin tun?

13 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen