• Michelle Reznicek

Die Buchvernissage


Mit den Fingern fahre ich das Cover entlang. Es ist erstaunlich dick geworden. Denke ich bei mir. Der Unterschied von selbst ausgedruckten A4 Seiten zu einem A5 Buch ist grösser, als man denkt.

Offiziell ist es noch nicht im Handel – erst im Vorverkauf. Ich erinnere mich, wie ich meinen eigenen Namen in Suchfeld des Orell Füssli Onlineshops eintippte – um zu überprüfen ob «Im Vorübergehen» schon im Handel angezeigt wurde. Zu meiner Überraschung tauchte nicht nur dieses, sondern auch das Bild des Skydancers und dessen Erscheinungsdatum auf. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es im «Vorverkauf» sein würde.


Das Buch aus Papier und Leim liegt nun bei mir auf dem Tisch und ich betrachte es nochmals.

Das Cover-Bild ist das eines Schaufensters. Hinter dem Glas stehen Schaufensterpuppen bekleidet mit der aktuellen Mode. Sie haben keine Gesichter. Sie sind wie die Menschen, die wir nur nach ihrem Äusseren Erscheinen beurteilen – gänzlich nach ihrer glänzenden Verpackung. Ohne danach zu fragen, ob nicht etwas ganz anderes dahinter ist.

Der Titel: «Skydancer – Niemand spielt eine Rolle». Und darunter: Michelle Reznicek.

Es erscheint mir merkwürdig, dass ich dieses Cover gemalt habe und dass mir gefällt. Etwas das mir, glaube ich, nur im Zusammenhang mit meinen Büchern passiert: Ich hab’s gemacht – und es gefällt mir. Erstaunlich.


Es ist eine lange Reise bis hier her gewesen, doch davon erzählt dieses schön verschlossene Buch nichts. Es gesellt sich nur still zu den anderen im Bücherregal, als wäre nie etwas gewesen.

Bücher betrachtete ich nun mit ganz anderen Augen. Jedes von Ihnen hat eine solche Reise hinter sich. Viel Glück – viel Drama, viele Tränen und Wutausbrüche, Kompromisse und Lachen.


Und endlich halte ich es in den Händen. Und die Vernissage rückt schon näher. Dieser Moment – ist für mich besonders. Für mich allein. So viele haben ihre Vernissage zeitgleich – doch diese eine ist meine.


Zunächst hatte ich mich von der Vernissage ziemlich gefürchtet und da ich ein Mensch mit viel Lampenfieber bin, wird es sicherlich auch keine entspannte Veranstaltung. Aber wenn ich auf mein Buch schaue, dann fühle ich mich irgendwie beruhigt. Es geht um mein Buch.

«Skydancer» oder wie er für einen Teil von mir immer noch heisst: «Walter Müller.»


Das aktuelle Datum verrät mir, dass es noch 23 Tage sind bis zu meiner Vernissage.

21.11.21 um 19.00 Uhr.

Das hingegen mag meine Stimmung etwas zu dämpfen.

Ca. 70 Einladungen habe ich hinausgeschickt. 20 Haben mir zugesagt. (Freudig erwartet). 15 Haben abgesagt. (Verständnisvoll aufgenommen). 35 sind «spontan.» Trotz bitte um Anmeldung und trotz Anmeldefrist. (Zähne-Knirschen) Jeder denkt, er ist der Einzige der spontan kommt.

«Ich weiss noch nicht – ich hab gerad so viel… Kann ich auch spontan kommen?»

Für eine Person Apero und Getränke zusätzlich einzurechnen ist keine Sache – bei 34 ist das etwas anders. Zum mitrechnen: Das sind 5 Flaschen Wein, oder Prosecco oder Orangensaft oder eine Mischform davon. Und 34 Personen, Mal 3 Gebäckstücke (Rechnet man normalerweise in der Gastronomie) macht 132 Käseküchlein, die dann liegen bleiben.

Nun ich weiss nicht wie ihr das seht – ich liebe zwar Käseküchlein– doch ich denke nicht, dass ich 132 Käseküchlein essen sollte.


Ein Teil des ganzen Übels ist natürlich: Corona und die Verpflichtung der Veranstalter, die 3G Regel durch zusetzten.

Es hat natürlich seine willkommenen Seiten, eine Veranstaltung (fast) ohne Beschränkungen durchführen zu dürfen. Sie sind fast fremd geworden, diese Masken-freien-, Abstandsfreien- Veranstaltungen. Dabei waren sie einmal so normal, dass sie gar nicht weiter aufgefallen sind. Wenn damals jemand was von «Hey! Abstandhalten!» gesagt hat, war es eher eine Beleidigung, denn eine Pflicht.

Doch die neuen Regeln macht die Veranstaltungen nicht gerade einfacher. Besonders, da jetzt gerade die Tests kostenpflichtig geworden sind. Wer möchte schon 80-100 CHF zahlen, um eine kostenlose Veranstaltung zu besuchen? (Bei einer kostenpflichtigen gehen die Meinungen etwas auseinander. Was ich Leute anstehen sehen habe, um locker 100 CHF für einen Test zu zahlen, um in einen Club oder einen Vergnügungspark zu kommen…)


Ich starre auf das schöne Cover vor mir. Dann muss ich lächeln. Was solls. Denke ich bei mir. Es geht um meinen Walter Müller. Dann denke ich an die Gruppe der Vernissage-Teilnehmer und lache abermals. Diese Gruppe hätte ich nicht im Traum zusammenstellen können. Leute von denen ich ganz sicher war, sie würden nicht kommen, haben keinen Moment gezögert zuzusagen und Leute von denen ich ganz sicher war: nicht. Manche reisen vom anderen Ende der Welt an, andere nicht aus der nächsten Stadt. Es ist manchmal seltsam. Ganz ähnlich wie mit diesem Blog. Menschen die mir jahrelang sagten: mach doch einen Blog, haben ihn dann nie besucht, andere von denen ich es nie erwartet hätte, habe nicht gezögert Abonnenten zu werden.

Zwei Freundinnen, die praktisch kein Deutsch sprechen, haben mir ihr Kommen sofort zugesagt. Keine Ahnung was sie an der Vernissage verstehen möchten, aber ich kann nicht aufhören mich darüber zu freuen.


Also hier das Fazit aus meiner Vorbereitung: Wenn ihr einen angehenden Künstler, Autoren oder Ähnliches in euerem Umfeld habt, der seine erste Präsentation, Vernissage oder ähnlich wackelige Sache auf die Beine gestellt hat, und ihr könnt terminlich: Dann bewegt euren Hinter dort hin. Denkt nicht: Ach ich geh das nächste Mal. Denn es denken zu viele so wie ihr: und es gibt dann kein nächstes Mal. Die eine Stunde geht schnell rum, selbst wenn ihr nicht mit der gleichen Leidenschaft dahinter seid, wie die Macher: Ihr signalisiert damit: Ich stehe hinter dir und du bist mir wichtig. Und ihr bekommt schliesslich eine gratis Glas Wein dazu – und Käseküchlein. Na - ist das kein Angebot? :-)



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