• Michelle Reznicek

Die Macht der Worte



Die Menschen heute zu Tage haben sich emanzipiert. Wir sind nun nicht mehr Untertan, nicht mehr gläubig und haben dem Respekt und Anstand ein für alle Mal, den Krieg angesagt.

Nur einen Glauben kennen wir noch. Den Glauben an die Medien. Kurzum, nach dem wir aufgehört haben, an das «Älteste Buch» zu glauben, glauben wir nun mehr an Nachrichten. Im Zweifelsfall den Nachrichten aus dem Fernsehen.

Sie alle sind gefallen, die Erfahrungsberichte, die Dokumentionen, die Bücher, die Religion. Nun mehr wird munter nachgeplappert. Auch wenn man keine Ahnung hat. Schließlich würde sich in der Berichterstattung ja niemals jemand eine Lüge erlauben - Oder lediglich seine eigene Meinung vertreten. Wir sind alle nüchtern und objektiv.

Information wird immer mehr komprimiert. Von dem Buch, zur Zeitung, zum News, zum Fernsehen, zum YouTube-Film. Sie wird immer zugänglicher, immer einfacher, immer leichter zu verstehen, und schließlich nur noch zur aufmerksamkeitsgeilen Überschrift. Umso seichter die Information, um so grösser die Überschrift. Manchmal ist es nur noch eine Überschrift. Ein fetter Schriftzug, der laut eine Botschaft in die Welt hinaus behauptet. Mit einer so wichtigen Botschaft wie: Kim Kardashian hat Cellulite.

Immer seltener steht ein «Beweis» darunter oder eine «Begründung.» Was man in der Schule immer haben musste, ist nun nur noch Option. Wir glauben einfach den Zeitungen.

Grundsätzlich sind sie nichts Schlechtes. Informationsaustausch kann auch Verständnis und Harmonie fördern. Könnte zumindest. Doch daran hat keiner Interesse.

Die Menschen sind Katastrophen-geil. Sie wollen Drama. Todeszahlen. Mordfälle. Schreckliche Verbrechen. Da gerät das Blut in Wallungen und jeder freut sich im stillen Kämmerchen darüber, dass er in Sicherheit ist. Die Todeszahlen stapeln sich, von Zeitung zu Zeitung ist die Information verschieden, doch irgendwie glauben wir allen, und türmen sie aufeinander auf.

Wer sich schon einmal die Freude gemacht hat, einen Nachmittag lang Radio zu hören, der auch Nachrichten bringt, der wird fünf Mal die exakt gleichen Nachrichten hören. Und sollte gerade ein schreckliches Verbrechen geschehen sein, optional auch im Ausland, dann wird es gut 50 Mal wiederholt. Aus einem toten Kind werden auf einmal fünfzig. Und wieder Tote. Wieder mehr Ansteckungen. Wieder eine Explosion, ein Ehrenmord, ein Attentat. Und steht der Auslöser für eine Katastrophe nicht fest, so erfindet man flux eine Story. Die Gas-Explosion ist kein gewöhnliches Vorkommnis, solange wir es nicht mit Sicherheit wissen, war es bestimmt ein Attentat. Und haben wir selbst den Beweis für etwas anderes, ist es trotzdem ein Attentat gewesen. Wir wissen das besser. Wir die wir Hunderte von Kilometern entfernt sind. Wir haben den Durchblick. Das Verbrechen das gesehen ist, ist nicht ein gewöhnliches Verbrechen. Es war bestimmt ein Ausländer. Damit sicher jeder auf der Strasse, endlich Angst vor einem Menschen krieg, der nicht genau so aussieht wie er. Als ob die Herkunft eines Menschen, den Idioten begründen könnte. Ein Idiot der mit der Pistole um sich feuert ist kein Arschloch mehr, er ist Teil eines Gossen und Ganzen. Er ist ein «Terror-Mitglied». Und damit ist es gerechtfertigt.

Und immer müssen wir noch fragen, was Donald Trump dazu zu sagen hat. Als ob er nicht schon bewiesen hätte, dass er keinerlei Hirn besitzt. Aber gut. Dann haben wir wenigstens etwas zu lachen. Doch leider ist es nicht so. Menschen glauben was sie lesen. Sie glauben sogar der Werbung, von der ja jeder weiß, dass sie nur eine «Mögliche Wirkung, Befriedigung, oder Verbesserung» anpreist. Niemand wird von einer lüsternen Frau angefallen nur weil er diesen einen Deodorant benutzt. Und trotzdem glauben wir es irgendwie. Die Menschen bilden sich keine Meinung mehr. Die Menge der Informationen ist ihre neue Religion, glauben ohne Beweis. Und es muss blutig sein. Dann geht was.

Es gab mal einen Radiosender der nur gute Nachrichten brachte. Er ging ein. In schnellster Zeit. Weil kein Mensch gute Nachrichten hören will.

Man kann sich jetzt ausreden mit den Urwaldeffekt. Für den Menschen der Vorzeit war nur wichtig, was ihn gefährlich werden konnte. Doch seit mal ehrlich der Mensch von heute ist einfach zu faul geworden. Er stellt seinen Kopf nicht ein, er will Sensation, damit ihm sein kleines langweiliges Leben nicht so trostlos vorkommt. Wer nichts denkt und fühlt, fühlt sich bewegt, von diesem kleinen Sturm im Wasserglas.

Und wenn es nicht gibt? Lass uns auf Facebook eine hirnrissige Story erfinden. Lass uns einen Beitrag machen, während einer Krise, darüber das wir angegriffen werden – das geht ab! Die Menschen sind doch noch nicht gestresst genug. Lass uns alles als Lüge darstellen, das ist doch geil. Damit die die Angst haben, erst wirklich Angst haben. Lasst uns Zweifel an der ganzen Welt streuen, lasst uns alle als Lügner hinstellen. Jeder will dem andere nur was Schlechtes. Alle sind böse. Pfeif den Hippokratischen Eid. Es sind alles Mörder, Betrüger und Lügner.

Uns geht es zu gut. Kaum ist eine Katastrophe abgeflaut, schon müssen wir die nächste haben – und wenn es keine gibt, erschaffen wir sie.

Kaum ist ein Mord etwas verarbeitet, rennt ein Reporter hin um zu fragen, was die Nachbarin, die Freundin oder wenigstens ein völlig unbeteiligter Spaziergänger davon hält. «Und was halten sie davon? Können sie noch beruhigt hier spazieren gehen, hier wo die Augen des Mörders womöglich aus dem Fenster geblickt haben?» Ich bin sicher dieser Mensch hat sich schon die tiefgründigsten Gedanken darüber gemacht. Vielleicht ist ja auch die Katze von neben an völlig verstört. Der Mörder hat sie womöglich gestreichelt. Das wäre ja praktisch Tierquälerei. Es ist als würde man nicht nur einmal ermordet, sondern fünfzig Mal. Bis man nicht mehr sicher ist, ob es noch die alte oder eine neue Meldung ist. Die Information wird so ausgequetscht, bis es völlig ins Absurde rutscht. Doch zu guter Letzt: keine Nachricht davon wie die Geschichte ausgeht. Wird er nun verurteilt? Wie lange? Wie geht es den Eltern und Freunden? wie lange dauert es so etwas zu verarbeiten, und kann man es wirklich?

Reporter, Moderatoren und Journalisten. Sie erschaffen uns die Welt wie wir sie sehen. Sie steuern das Denken der Menschen. Denn so oft Berichten sie von etwas, das wir nur durch sie erfahren. Jeder noch so kleine Berichterstatter, wirft sein persönliches Licht auf die Welt. Gemeinsam erschaffen sie den Jackson Pollock unserer Zeit. Ihre persönliche Meinung, dringt in die Köpfe der Menschen, die sich keine Meinung mehr bilden. Doch sie haben keine Verantwortung. Oder?

Todeszahlen sind so geil – denn in Wahrheit, können wir uns nicht vorstellen was sie bedeuten. 10 000 Tode – ist ja Wahnsinn. Gut das wir nicht da sind. Doch 10 000 Menschen, sind nicht nur eine Statistik, eine Schätzung, sie sind auch Mutter, Tochter, Vater, Kind, Geliebte, Liebster, Freund. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, genau wie du und ich und deine Eltern, sein Leben, seine Nächsten die Ihn vermissen werden. Die Geschichte endet nicht hier. Sie endet nicht einmal in Jahren, wenn irgendjemand sagt, was hätte wohl XY dazu gesagt, und alle schweigen. Doch wen juckt's? Sowas ist nicht interessant, sowas verkauft keine Zeitungen. Was geschieht wohl als nächstes? Seien sie morgen wieder live dabei, zu den neuen Schlagzeilen.

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Bilder: Mary Hong