• Michelle Reznicek

Die Matrixrealität




«Weisst du warum ich weiss, dass das hier nicht die Matrix ist? Der Schockpudding wäre sonst besser.» Zitat «Big Bang Theorie»

Dieser Satz kommt mir immer mal wieder in den Sinn. Und immer muss ich lachen. Wenn nur alles so einfach zu erklären wäre, wie mit der Aussage von Sheldon Cooper.

Doch was ist Realität? Realität ist: Was wir sehen und wahrnehmen. Abzüglich unserer Meinungen, Glaubensätzen, Erinnerungen, Erfahrungen und Wissenslücken. Viel zu oft sehen wir nicht was wir sehen, sondern nur das Ende unserer Situationsbewertungen. Erinnerungen, Traumas, Gewohnheiten, Glaubensätze: All das erschafft unsere Realität. Insofern leben wir alle in unserer eigenen Matrix, doch würde es uns bei maximaler Vorstellungskraft gelingen unsere Zeit zu verlangsamen, wie Neo am Schluss des ersten Filmes?

Wann schauen wir auf, und sehen, was wirklich vor uns ist, nicht was wir glauben? Wann sehen wir auf und sehen nicht die Matrix?

Ich glaube nicht, dass wir sie allein mit der Beurteilung eines Schockpuddings neutralisiert bekommen.

Wenn man unterwegs im Tram sitzt und die Welt und die Menschen im vorbeifahren betrachtet, wie sicher kann man sein, dass es wirklich alle real sind? Schliesslich steigen wir nicht aus, um mit jedem Menschen zu sprechen und ihn zu berühren. In Wahrheit ist es nur die Annahme – die Annahme das sie wirklich sind.

Gestern auf einer Hinfahrt, sah ich eine Frau aus dem Tramfester. Ihr gesamtes Haar war zu einer grossen Dreadlocks geformt. Ich stellte mir das sehr unbequem und sehr schwer vor. Trotz der Hitze trug sie viele Kleider - vermutlich alle die sie besass - hockte auf der Kirchenmauer, trank Bier und qualmte Zigaretten. Der dichte Qualm liess ihr Gesicht und ihre Augen immer wieder verschwimmen.

Frauen und Männer gingen an ihr vorbei, jeder in seine Welt vertieft. Jäh fragte ich mich was der Unterschied zwischen dieser Frau und einer anderen ist. Was hat sie hier her gebracht in dieses Leben, sei es gut oder schlecht? Warum trägt die Frau neben ihr ein kitschiges Rosa-Röcklein und «Stögelischuhe» und sie ein verhärmtes Gesicht? Das Leben der Frau in rosa, konnte ich vom Fenster aus «erahnen». Oder zumindest, wie ich es mir vorstellte, gemäss ihrer Selbstdarstellung. Doch die scheinbar obdachlose Frau, schien mir wie ein leeres Blatt. Es schien mir fast, als wäre sie nicht wirklich da. In ihrem leeren Gesicht sah ich nichts.

Was wäre, wenn sie wirklich nicht real wäre? Nur so eine Bildstörung, die, wenn ich sie aus den Augen verliere, verschwinden würde?

Es gibt so viele Menschen, die sofort ins Auge springen. Die etwas an sich haben, im positiven wie im negativen, doch unbestreitbar sind sie da. Dann jedoch gib es jene, die irgendwie in der Masse verschwimmen. Man sieht sie gar nicht richtig. Sie sehen anderen irgendwie ähnlich, vergehen irgendwie zu diesem «Now-Name-Typen». Was wäre, wenn, sie nicht wirklich wären?

Wenn man die Neurologie betrachtet, so sagt man, dass man sich nicht ganz erinnert. Wir erinnern uns nur zu einer bestimmten Prozentzahl. Der Rest füllt unser Hirn mit logischen Elementen. So wie die Augen: Was wir nicht sehen, füllt das Hirn mit logischen Bildern.

Was wenn unser Hirn an dieser Stelle auch einfach nur Menschen erschafft, die die Lücken füllen, die für uns unlogisch wären?

Das Hirn ist eine seltsame Sache. Es merkt sich Dinge für die wir eigentlich keine Verwendung haben, und Namen die wir deutlich bräuchten entfernt es einfach – oder speichert sie so ab, dass wir sie nicht finden. Als hätten wir den "Umstecker" in der Obstschale versorgt. Es ist da, doch wir finden es nicht. Selten seltsam nicht?

Nun ja. Ich fürchte nicht die Übernahme durch die Maschinen. Doch was ist Realität?

Viele Menschen bewegen sich heutzutage zu viel nur noch in ihren Köpfen. In Filmen, in Facebook, auf Instagram, auf YouTube, auf Ticktock, auf Google, in Büchern und so vieles mehr. Unsere Realität ist längst virtuell.

Was wir sehen, wird viel zu oft von unserem Gehirn als Realität verstanden. Werbung. Filme. Instagram. Wenn wir eine sportliche Aktivität nur sehen – dann kann es sein, dass wir die passenden Muskeln in unserem Körper dadurch schon ansprechen. Unser Körper denkt, wir würden uns bewegen.

Der Körper kennt keine Lügen. Manchmal kommen mir Augen wie Kinder vor. Sie sehen einfach ohne, dass sie in real oder irreal einteilen. Höchstes in logisch oder unlogisch. Sie wollen gefakten Bildern glauben. Weil sie an sie gewöhnt sind. Sie wollen Werbung glauben, weil lügen unlogisch ist. Unser Unterbewusstsein nimmt so vieles wahr – und nimmt es als wahr. Der Hintergrund der Chipstüte ist blau? Sie müssen kalorienarm sein. Es hat ein glückliches Huhn darauf? Es freut sich sicher ein leckeres Pule geworden zu sein. Das Deo wird im Anzug, und direkt aus einem Flugzeug heraus gezeigt? Mit ihm habe ich bestimmt auch ein tolles internationales Leben.

Vor vielen Jahren war ich an einem Mathematik-Vortrag.

Und der Dozent zeigte ein Gerät – Es war ein Ding aus Schrauben und Muttern – etwas wie das Innere einer Uhr. Es stand auf einem Metallarm. Leicht konnte man ein Gesicht hineininterpretieren - das Ding auf eine Art vermenschlichen. Der Dozent gab dem Ding einen Schups – und es fiel in sich zusammen – an einem Stück, an unzähligen Scharnieren beweglich, sich scheinbar völlig unlogisch und wirr bewegend, und doch in einem Stück bleibend.

Wir fingen an zu lachen. Unser Gehirn verstand es nicht – und es kennt nur zwei Reaktionen auf Unverständnis. Lachen oder Weinen.

Dann ist doch das Beste: Wir lachen.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong