• Michelle Reznicek

Die Ratgeberprüfung



Du sollst still sein,

du sollst beherrscht sein,

du sollst schön sein, aber nicht auf dich fixiert,

mit dir im Reinen, doch allen genügen,

ein fünf Jahres Plan haben und gleichzeitig spontan sein,

du sollt ja und am amen sagen, doch deine Meinung vertreten,

du sollst ganz bei dir sein, doch niemanden zurückweisen,

du sollst dünn sein, und stolz auf deine Kurven,

du sollst jung sein, und in Würde altern,

du sollst perfekt gestylt sein, doch ganz natürlich

du sollst ja sagen, aber auch nein,

Perfekt angepasst und ganz du selbst

Sehr weiblich aber perfekt emanzipiert,

nicht sagen, was man nicht sagt, und trotzdem frech sein,

Und gewiss habe ich noch viele Vergessen.

Das Meer der Habits, der Selbstoptimierung und Gesundheitstipps ist unendlich. Kaum haben wir gelernt, früh aufzustehen, unsere Ziele zu verfolgen, alles zu terminieren und zu organisieren, dazu noch zu trainieren, kommt noch etwas dazu. Jetzt müssen wir auch noch achtsam sein. Fühlen was in uns vor geht, was wir brauchen, eins sein mit der Welt und der Natur. Einen Super-Smoofie trinken, dabei aus dem Fenster sehen, und gleichzeitig dreihundert Mails checken. Drei Millionen Videos die uns sagen, wenn du es nur so und so machen würdest, bist du naher perfekt. Für fünf Minuten zumindest bist das neue Video raus kommt. Sei stiller, denn Stille haben die Macht. Sei ein Frühaufsteher, denn der Morgen bringt dir Erfolg. Schlaf genügend, denn genügend Schlaf ist der Schlüssel zum Erfolg. Trink Smoofies, denn Smoofies, geben dir den frische Kick. Fake it, until you make it. Lies jede Woche ein Buch. Trainier jeden Tag. Lauf einen Marathon. Triff dich mit Freunden. Das ist der Schlüssel zu deiner Million. So findest du den perfekten Liedstrich. So wirst du schlagfertig. So findest du den inneren Frieden in 5 min. Nie wieder Müde. Ohne Jojoeffekt. Schlank werden im Schlaf. So gehest du um mit Narzissten. 10 Min Cardio -Workout für den perfekten Po. Der Weg aus dem Body-shaming. Lies mein Buch und du wirst: für immer glücklich sein – den Perfekten Partner finden – alle deine Ziele erreichen – reich sein.

Doch auch ohne Videos und Ratgeber: Die Ansprüche die die Menschen gegenseitig an sich stellten, sind ebenso vielseitig wie unerfüllbar. Sie alle sind der völligen Überzeugung, dass sie die eine Lösung haben. Und gleichzeitig haben wir schon alle gehört, dass es niemals eine Lösung für alle gibt. Der eine hat eine andere Biochemie, einen anderen Körper, ist eine Nachteule oder einer der lieber mit seinen Händen arbeitet.

Und wenn sie beim Rat-geben dann doch falsch lagen – egal man hat den Anspruch ja an jemand anderen gestellt. Und es stellt sich eine gewisse Zufriedenheit ein, das man selbst nicht diesen dummen Fehler gemacht hat.

Zuweilen ist es den Menschen völlig egal, wenn sie Ansprüche stellten, die sich im Kern widersprechen. Egal, der andere soll es machen. Gerne stellen wir auch Ansprüche denen wir selbst nicht genügen, oder projizieren unsere Probleme auf andere. «Pass auf das du nicht zu dick wirst.» ist selten der Anspruch an das Gegenüber. Solche Aussagen, sagen viel über den Menschen aus, der sie ausspricht. «Bist du sicher, dass du das tunen willst?» «Also ich würde mich das nicht trauen.» «Du musst das selber wissen.» Diese Sätze sagen dir nichts. Sie sagen etwas über den Menschen der dich anspricht.

Hier also meine Frage. Warum tunen Menschen sich so etwas an? Warum wird jemandem es vorgehalten, wenn er oder sie, genussvoll etwas isst? Möglicherweise – denn das können wir nicht wissen – ist es sein oder ihr Mittagessen? Möglicherweise ist es das Einzige, was er oder sie bisher heute gegessen hat? Möglicherweise will er oder sie gar nicht beinmager sein? Immer wieder sehe ich dicke, ältere Männer, die einem jungen dünnen Mädchen sagen: «Wenn du so weiter isst, wirst du aber ganz schön propper.» Wildfremder zu einer Wildfremden. Egal was man tut – man kann nicht für jemand anderen Gewicht verlieren. Das Biologisch nicht möglich. Keine Macht der Welt, wird mein verlorenes Kilo dir anrechnen. Wenn man jemand anderen etwas missgönnt, hat man deswegen nicht mehr. Denn der Irrwitz ist ja, dass man dieser Aussage glauben schenkt. Das Mädchen und die Zuhörer, hören auf zu sehen was Real ist, und Glauben den Worten, glauben einer Behauptung. Und glauben sie nicht völlig, so fangen sie zumindest an zu zweifeln.

Diese Aussage sagt eigentlich nur eines: Das der Sprechende sich das nicht erlauben würde.

«Mach meinen Freund nicht an!» - soll heissen ich bin unsicher in meiner Beziehung.

«Sei nicht so faul!» - ich denke ich habe nicht genug getan.

«Bist du sicher, dass du das kannst?» - ich zweifle an mir.

«Du bist nicht gut genug!» - Sei gefälligst so unsicher und verbittert wie ich.

Manchmal denke ich, man sollte eine «Sprechprüfung» machen. Wer durchfällt, darf nicht mehr reden. Es wäre ganz schon still auf dieser Welt.

Oder eine «Ratgebe-prüfung». Durchfällt wer nur dumme oder unerfüllbare Ratschläge gibt, oder gar keinen Rat geben will, sondern nur das Gegenüber abhalten will, etwas zu tun, das man selbst nicht schafft.

Gute Güte, wäre es plötzlich still auf dieser Welt. Aber vielleicht wären einige etwas glücklicher.

Wenn wir anfingen, uns selbst etwas mehr kennen zu lernen, anfingen nicht die Probleme immer bei den anderen zu suchen, sondern sich zu fragen, warum man den andern kleiner machen muss. Wir alle hätten ein leichteres Leben. Wir können nicht verlangen, dass ein anderer die Unzufriedenheit oder die Leere in uns erfüllen kann. Wir können nicht verlangen, dass ein anderer uns glücklich macht. Er kann dazu beitragen, doch er kann es nicht für uns tun.

Mit unseren Ratschlägen machen wir manchmal mehr kaputt als wir hilfreich sein können. Vielleicht fragen wir uns selbst, ehe wir einen Rat geben, warum wir ihn geben. Was ist unser Gedanke dahinter?

Aber in diesen Sinne - wer bin ich, einen Rat zu geben?

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong