• Michelle Reznicek

Ein Künstler und Corona



Ein Künstler in der Pandemie


Seit der Lockdown begonnen hat, habe ich immer wieder denselben Traum.

Ich träume das ich arbeite.

(Wenn ich dabei verdienen würde, könnte ich mir inzwischen so einiges leisten- aber das am Rande.)

Meine Arbeit – ist unser eigenes Unternehmen. Ein Varieté. Eine Mischung aus Artistik, Tanz, Musik und Schauspiel. Der beste Ort auf Erden.


Als Künstlerin habe ich natürlich auch mein ganzes Leben lang, die künstlerspezifischen Träume gehabt. Träume wie: Das Publikum läuft davon. Alles geht schief. Ich kann nichts mehr. Mir fehlen entscheidende Requisiten oder ich kenne die Choreographie nicht. Albträume wie sie, wohl ein jeder Künstler kennt und mit denen unser Unterbewusstsein uns immer wieder gerne piesackt.


Doch aktuell träume ich selten von den Misserfolgen. Vielmehr verbringe ich meine Zeit bei «ganz normaler Arbeit». Fast alltäglich. Ich bin einfach da, stehe auf der Bühne, spreche mit Organisatoren, treffe Vorbereitungen. Manchmal kellnere ich.

Manchmal bin ich verwundert über die Banalität solcher Träume. Vielleicht möchte mein Unbewusstsein mir auch einfach mitteilen, wie sehr ich meine Arbeit vermisse.

Es lässt sich nichts machen. Selbst voraus - arbeiten ist nicht möglich. Denn wer möchte im Moment überhaupt etwas planen ?


Seit dem Anfang des letzten Jahres sind Veranstaltungen erst verboten, dann reduziert, verboten, unter Auflagen möglich, abgesagt, Sicherheitsstandard erhört, und verboten worden. Und alles haben wir mitgemacht. Wir haben mit Masken gearbeitet, wir haben ein Sicherheitskonzept erarbeitet, wir haben Plastikfolie gekauft, wir haben Abschrankungen bedacht, Raumtrennungen organsiert, wir haben Onlineveranstaltungen mit gemacht, wir haben Filme als Ersatzvorstellungen gedreht, wir haben Vorstellungen im Freien abgehalten, bei nur 10 Grad– wir haben alles getan, was man von uns verlangt hat. Nur um abermals in der «nicht System relevant» zu verschwinden. Insofern – es war noch nie einfach ein Künstler zu sein. Doch bisher haben wir es immer irgendwie geschafft. Solange wir arbeiten durften, ging es immer, irgendwie.

Jetzt, nach allem, im zweiten Lockdown, sind wir müde. Alle Anstrengung, Planung und Anpassungen, waren umsonst. Wir sind abermals die «Aussätzigen», denn Kunst ist schliesslich nur so «Es Hobby» dem man nach der Arbeit, wenn man brav im Büro war, nachgehen kann. Man ist ja selber dumm, dass man Künstler geworden ist, und keinen richtigen Job genommen hat – man hätte ja Detailfachhändler werden können. Die sind wichtig – von denen braucht es jetzt eine Menge.

Ich frage mich ob das die Gastronomen und die Tourismusbranche auch zu hören bekommt, dass ihr Job nicht wichtig ist. Sie sind schliesslich eben so betroffen wie die Kultur und machten eigentlich auch nur: Unterhaltung.

Selbstverständlich. Wir machen nichts so Wichtiges: Wie ein Regal auffüllen, Zahlen von einem Konto auf andere zu schieben oder Versicherungen am Telefon zu verkaufen, Parfüm verkaufen, Blumen binden oder Make-up präsentieren.

Wir tunen nur eines. Wir bringen Freude. Freude für das Auge – Freude für die Seele. Musik – Tanz- Artistik – Malerei wir alle sind eine flüchtige Kunst, - ein Schmetterling fürs Auge. Wir zaubern ein Lächeln. Wir erleichtern ein schweres Herz. Wir lassen die Sorgen für einen Moment verschwinden. Wir regen zum Nachdenken an. Das haben wir gegen einen geregelten Job und gegen ein regelmässiges Einkommen eingetauscht. Denn was im Leben ist schon sicher? Warum ist Geld so viel mehr wert als ein Lächeln, wenn es denn ebenso schnell vergehen kann? Geld verschwindet, doch eine Erinnerung bleibt für immer. Was die Archäologen nach unserem Tod finden, ist nur hie und da eine Münze – doch die Tempel und Kunstwerke sind die Dinge, die einmal im Museum bestaunt werden – so wie wir schon heute die Künstler eines anderen Jahrhunderts bewundern.


Ich gebe schon zu – als Künstler – aus Autorin – als Mensch, bin ich auch etwas egoistisch. Denn ich nehme von meinem Publikum ja auch immer etwas mit. Ein Lächeln. Ein Strahlen in den Augen. Ein Funke der niemand erklären kann – der von einem Menschen zum anderen über geht. Ich gebe – und ich bekomme.


Doch aktuell ist eben dies verboten. All das ist nur eine Erinnerung und allmählich wird sie blass. Es ist ein Marathon. Aber man kann nicht an den Rand stehen und aufgeben. Man kann sich nicht mit dem Ziel motivieren, weil es nicht absehbar ist – und niemand steht am Rand und jubelt einem zu, wie weit man schon gelaufen ist, meist ist da nur jemand der sich ein Glas Wasser gönnt und einem erklärt wie dumm man ist, diese Strasse überhaupt genommen zu haben.


Und dann denke ich an meine letzte Vorstellung und an die Augen der beiden Mädchen die zugesehen haben. Ich erinnere mich deutlich an ihr Lachen und an ihre strahlenden Augen. Und weiss, dass mir das nie jemand nehmen kann. Auch wenn ich im Augenblick nur davon träume.

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Bilder: Mary Hong