• Michelle Reznicek

Eine lange Reise


Von der grossen Reise in unseren Köpfen


Diese Woche kam mir eine Ausschreibung unter die Augen: Ein Wettbewerb zum Thema: Reisen. Ärgerlich – dachte ich nur. Denn schliesslich gibt es aktuell keinen dümmeren Zeitpunkt als jetzt, um sich das «Reisefieber» einzufangen. Im Moment sind die möglichen/erlaubten Reisen, in der Regel bei der Migros beendet. Reisen, von denen ich träume wie: Tokio, Schottland oder Reykjavik sind noch so weit weg, dass man sie am Horizont nicht einmal mehr sehen kann.

Aber schliesslich ging es genau darum: Um eine Kopfreise – um das Teilen von Reisegeschichten, in einer Zeit in dem das physische Reisen nicht erlaubt ist.

Folgende Bedingungen wurden an die Schreiber gestellt: 3 Reisegeschichten. Einsendeschluss April. Länge maximal 2500 Zeichen.

Eine ganz und gar sagenhafte Länge, muss ich hierzu wirklich sagen. Ich bin immer etwas konstatiert, wenn ich so eine gewünschte Länge lesen und denke des Öfteren: Wenn sie nichts lesen wollen, dann sollen sie doch keine Ausschreibung machen.

Ausserdem machte ich sehr ungern bei Ausschreibungen mit, die davon abhängen, wie viele Likes man von "Konkurrenten" bekommt. Weil dass selten etwas mit "Können" zu tun hat, sondern vielmehr wie gut man auf Sozialen Netzwerken ist und wie viele "Kollegen" man motivieren kann, auf der Ausschreibungsseite die Geschichte zu liken. Aber - wie auch immer.


Ich weiss 2500 Zeichen klingt zuerst nach viel – ich möchte aber darauf hinweisen, dass dieser Text bis hier schon über 1000 Zeichen hat. Aber gut. Es ist eine Herausforderung grosse Gefühle in einem kurzen Text zu erzählen. Und Herausforderungen sind dazu da, angenommen zu werden.

Und weil ich dachte, euch geht es vielleicht ein bisschen wie mir, und ihr fühlte allmählich auch so ein gewisses Egal-wohin-einfach-weg, mache ich hieraus für euch einen Mehrteiligen «Kopf-Kurz-Reise-Trip». Und heute den ersten Teil davon. (hier zur Ausschreibung auf Story.one)


Auf den Strassen von Tschechien


Die Häuser sind verborgen zwischen Bäumen, als lebten hier alle im Wald. Denn wer verborgen war, der blieb von den Flugzeugen im Krieg verschont. Auf der einen Seite gut renoviert, auf der andern eine Ruine – so wohnt man hier.

Das Tram tuckert beschaulich zwischen grünen Bäumen dahin.

Hier kauft man dann und wann, Tickets für umgerechnet 2 Franken, direkt beim Tramchauffeur. Gerade steigt jemand ein und der Chauffeure sagt, dass er keine Billette mehr hätte. Der Mensch steigt wieder aus. Das Tram fährt weiter. Vielleicht bekommt er noch welche – beim Kiosk.

Die Menschen hier haben schlecht gefärbte Haare. Zahnlücken sind längst nichts Ausgefallenes. So ist es eben, in einem Land das nicht so reich ist, wie das unsere. Doch wer hier ins Ballett, Theater oder Kino geht, der zieht sich schön an. Niemals würde man in einer gewöhnlichen Jeans, Romeo und Julia sehen. Denn man ist respektvoll vor der Kunst und der Kultur.

Die Pflastersteine der Strassen, die Bauernhäuser ausserhalb - beides scheint, wie im Traum verharrend: Die Zeit hier ist wie vor 100 Jahren. Man hört das Getrappel der Pferdekutschen gerade noch so verklingen.


Diese Reise ging nicht weit in die Ferne. Gerade mal ein Nachtzug hat es gebraucht. Doch der Weg scheint mir viel weiter. Eine Reise in die Ferne – eine Reise zu mir zurück. Wer zwei Pässe in der Hand hält, der träg zwei Herzen in der Brust und auch wenn man das Land noch nie betreten hat, kehr etwas mit der Reise nach Hause zurück.

Ich liebe alles hier. Das Schöne – und das nicht Schöne. Und es ist mir alles so vertraut. Die Stimmen. Die Gesichter. Die Sprache die ich nicht spreche.


Jeder kleine Ausflug unserer Reise ist ein Ausflug an einen Zauberort. Und jeder mystischer und schöner als der zuvor. Längst habe ich aufgegeben zu entscheiden, welcher nun der schönste Anblick war. Ist es die Ruine der Kathedrale unter deren eingestürzten Dach, ein Geiger Amelie spielte? Ist es der Fluss, über dessen nebelverhangenen Oberfläche unser kleines Schiffchen dümpelte? Ist es das kleine Schloss, an dessen Eingang man durch eine Schlucht weit hinab ins Thal sah, wie durch ein Nadelöhr? Oder ist es doch das wundersame Prag, mit seinem alten Pflasterstein und der Karlsbrücke?

Vielleicht war der Ort, der auf auf all das zugleich die Sicht erlaubt. Der Blick von einem grossen Hügel hinab, auf das grosse Ganze.

Wer in Tschechien auf einen Hügel steigt, der sieht zuweilen das ganze Land. Man sieht unendlich weit. Hin zu Polen, über Deutschland, bis der Blick sich durch die Ferne verliert.

Es ist der Blick in die Ferne – es ist der Blick zurück. Ein Schritt nach vorne – ist ein Schritt nach Hause.

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