• Michelle Reznicek

Im Land der tausend Möglichkeiten

Aktualisiert: Juli 17


Vor bald zwei Jahren war ich an einem Poetry Slam in Basel. Ich war noch nie an einer solchen Veranstaltung, doch ich hatte schon viel davon gehört, hatte auf YouTube so Manches gesehen und war schon vor dem Beginn, recht von der Veranstaltungsart begeistert. Wie cool, dass es so etwas gibt – in einer Zeit von der man mir mal sagte: Nicht einmal Goethe könnte heute noch Gedichte verkaufen.

Ich war noch nie dabei und wurde gleich zum Jury-Mitglied auserkoren. Wer es nicht weiss: Bei manchen Poetry Slams wird die Jury aus dem Publikum gewählt – nach dem Zufallsprinzip. Diese Auserwählten bekommen einen Block mit Zahlen, die sie nach der Darbietung in die Höhe halten, mit den Punkten die sie für angemessen halten. Generell bin ich immer anderer Meinung, als die Jury und so sass ich da mit meinem unfreiwillig erhaltenen Block. Doch obwohl ich mich etwas vor dem Urteil der übrigen Zuschauer fürchtet –war ich irgendwie davon angetan für mich angemessene Punkte zu verteilen.

Doch das Problem ist die Entscheidung. Freilich beurteilt man die Teilnehmer immer sofort, so entfällt die Möglichkeit sie mit einander zu vergleichen. Was ist durchaus gerne getan hätte. Man schiesst eine Punkteanzahl ins Blaue hinaus, ohne zu wissen, ob der nächste im Vergleich eigentlich viel besser wäre.

Ich erinnere mich an verschiedene Beiträge noch immer sehr gut. Doch der beste Beitrag, war ein Text mit dem Titel: «Der Super-Mensch». Ein Mann, sehr trainiert, stand ganz unten auf dem Grund des Schwimmbads (die Lokalität war ein alters Schwimmbad – die Zuschauer sassen auf der Tribüne, die Darsteller standen auf dem Grund des Pools) - und sprach mit viel Überzeugung und einer beachtlichen Flut an Worten. Er hatte kein Blatt dabei. Er muss lange an dem Text gearbeitet haben, denn er war auswendig, in Dichtform und im Rhythmus gesprochen, der dem Hörenden bald schon nachzulaufen drohte, wie ein Lied. Er sprach von dem «Super Mensch» zu dem man sich heutzutage aufpumpt – mit Goji-Beeren, Supertrainings, Intervallfasten und live-Couch – ich fand ihn grossartig. Und genau da passierte es – mitten beim Super-Mensch fiel er aus dem Rhythmus und kam nicht mehr hinein. Die Entscheidung kein Blatt mitzunehmen, auf dem er Notfalls nachlesen konnte, liess ihn ohne Netz zurück. Er war der einzige, der aus dem Text fiel und nicht mehr hineinkam, obwohl man deutlich sehen konnte, wie viel Arbeit er hineingesteckt hatte. Drei Mal setzte er wieder an, an einer früheren Stelle, doch es führte kein Weg zurück, und die Musik – beim Poetry fängt nach einer bestimmten Zeit Musik an zu laufen, die immer lauter wird, bis der Sprechend abbrechen muss, drängte ihn schliesslich von der Bühne.

Als ich das Blatt hob. stand auf ihm 8 von 10 Punkten. Er war für mich trotzdem einer der besten Texte. Doch ich hatte eine Weile, mich zu entscheiden. Nach den Regeln der Kunst, hätte ein nicht vollständiger Text eine ungenügende Bewertung bedeutet. Trotzdem hatte ich mich so entschieden. Obwohl unvollständig, hatte ich ihm die gleiche Punktzahl gegeben wie einem Text, der zwar vollständig und stimmig war, um Tiefe bemüht und doch ziemlich seicht.

Oben auf der Tribüne fragte ich mich, ob er es wohl bereute kein Blatt zur Sicherheit zu haben. Die meisten hatten eines dabei. Wie hätte ich mich entschieden? Was hätte ich über meine Entscheidung gedacht, an dieser Stelle? Wie lange hätte ich darüber nachgedacht? Gewiss hätte ich mich fünfmal umentschieden, nur um zu guter Letzt das Blatt in meine Tasche zu stecken.

Was hätte ich angezogen für eine solche Darbietung, deren Regel deutlich lautet: man darf sich nicht kostümieren. Sondern muss so kommen, wie man ist. Was wäre es bei mir gewesen, deren Stil sich mal flugs von extravagant und dramatisch zu «Bauarbeiter» entwickelt? Die ruhig einmal Gotik mit Hippie mischen kann? In meinem Beruf bin ich so häufig kostümiert, dass es nicht mehr als Kostüm bezeichnet werden kann.

Wusstet ihr, dass wir jeden Tag nur eine bestimmte Menge an Energie für Entscheidungen zur Verfügung haben? Man kann es sich vielleicht als Muskel vorstellen. Wenn wir eine bestimmte Menge Liegestützen gemacht haben, ist der Muskel erschöpft. Die Energie ist aufgebraucht und danach bringen uns einfache Entscheidungen völlig aus der Fassung. Daher ist es oftmals so schwer, abends noch etwas «vernünftiges» zu essen, oder lässt sich schon wieder zu einem «dummen» spontan Kauf verführen. Wir sind irgendwann zu müde, um uns noch zu entscheiden. Selbstverständlich sind wir da alle verschieden. Und an manchen Tagen bin ich schon bei Aufstehen fertig, mit meiner Entscheidungskraft.

Wir leben noch dazu in einem Land und in einer Zeit, in der wir wirklich die Wahl haben. Wir können alles. Wann wir wollen und was wir wollen. Und das überfordert uns masslos.

Vielleicht denkt man dann an Menschen deren Entscheidungen sich darauf beschränken: Wie kriege ich etwas zu essen und wo schlafe ich heute. Das sind massgebende Entscheidungen und rückt unser Denken wieder in das rechte Licht. Die Entscheidung zwischen der roten oder der blauen Bluse, ist dann genau was es ist: ein Luxusproblem.

Ich bin gewiss die Königin der Entscheidungsvermeidung. So viele wenn’s und aber’s. Ich kann mich entscheiden, nur um den Rest der Zeit (Des Lebens) mich zu fragen, ob es anders nicht besser gewesen wäre.

War es wirklich die richtige Entscheidung?

Doch eine Entscheidung macht nicht unser Leben aus. Und wir können immer noch unsere Meinung ändern. Schliesslich bedeutet das Lernen nicht? Sollte es das nicht gewesen sein, dann ziehen wir doch einfach unsere Schlüsse daraus. So wie ich mit Spagettiträgern. Ich weiss, dass ich sie an mir nicht mag. Trotzdem landet alle paar Jahre wieder ein Kleid mit Spagettiträgern in meinem Schrank. Das ist nicht schlimm. Manchmal muss man es sich immer wieder beweisen – und wer weiss vielleicht ändert es sich ja. irgendwann einmal.

Die Entscheidungen kann man sich erleichtern, in dem man die Kraft dort einsetzt, wo sie wirklich nötig ist. Es hilft, wenn man sich hilft. Wie beispielsweise: Kleider schon am Abend zuvor bereitlegt. (Sollte es sehr wichtig sein am Morgen und auch die Sportsachen gleich dazu legt) es hilft, wenn man sich das Essen schon im Voraus parat macht. Es hilft, wenn man die Arbeiten gleich fertig macht. Es hilft, wenn man seinem «Bauchgefühl» vertraut.

Und es hilft, wenn man sich nicht so unter Druck setzt. Die wenigsten Entscheidungen die man im Leben trifft, betreffen tatsächlich das ganze Leben. Beispielsweise: Will ich das Top in rot oder in schwarz? Ist keine grosse Entscheidung. Wenn man ehrlich zu sich ist, weiss man, was man wirklich tragen wird. Man muss sich nur in seinem Kleiderschrank mal umsehen um sich kennen zu lernen. Will ich morgen nach Afghanistan auswandern? Grosse Entscheidung. Viele Faktoren. Aber es fliegen auch Flugzeuge wieder zurück. Will ich Bäcker werden oder Akademiker? Nichts davon hindert einem daran später etwas anderes zu tun. Alles was man lernt, ist irgendwann einmal zu irgendetwas nütze, und wenn: zu einem guten Witz. Wir fällen so viele tausend Entscheidungen im Laufe unseres Lebens, das die Einzelne an Schrecken verliert.

Es ist wie bei dem Poetry Slamer. Er hatte keine Rettung dabei. Doch trotzdem hat es die Jury beeindruckt. Denn ich war nicht die Einzige, die eine hohe Punktzahl hochhielt. Vielleicht gerade, weil er kein Papier hatte, und trotzdem da stand es mehrmals versuchte wieder ein zusetzten. Insgesamt konnte sich das Ergebnis sehen lassen.

Vielleicht hätte ja der Rest seines Textes alles ruiniert? Wer weiss.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong