• Michelle Reznicek

Im Land des ewigen Lächelns



Ich bin dankbar. Verzeiht, wenn ich heute etwas kitschig daher komme. Aber ich bin dankbar. Ausserdem mag das nach einem sehr merkwürdigen Ansatz klingen, in der aktuellen Zeit. Bei allem was so schief geht gerade, können die meisten eine sehr lange Liste reichen, wofür sie gerade undankbar sind. Ich verstehe das durchaus – ich habe auch so eine Liste. Ganz oben steht meine permanente Undankbarkeit dafür, dass ich aktuell nicht arbeiten kann und mir nach bis nach, immer wieder Absagen wegen Corona ins Haus flattern. Ich bin auch nicht dankbar dafür, dass ich das ganze Jahr damit verbracht habe geschäftlich zu kämpfen, nur um dieses Jahr alles wieder zu verlieren. Und ich bin auch sehr undankbar für das Gefühl nicht zu wissen, was kommt. Und für jeden Menschen, der mich fragt, was kommen wird.

Und ich bin auch undankbar für jedes Mal, wenn ich an einem Gespräch vorbeikomme und das Wort: Corona fällt. Und für die permanente Einigkeit: das jetzt eine sehr merkwürdige Zeit ist. Herzlichen Dank. Es reicht mir damit.

Ich habe genug von der Pandemie. Genug von Beschränkungen. Genug von sozial Distanzierung. Genug von Desinfektionsmittel. Genug von dauernden Widersprüchen. Genug davon Regeln einzuhalten, die gleich vor meiner Haustüre wieder zu Nichte gemacht werden. Genug davon Menschen nicht zu umarmen, genug davon Angst zu haben vor der Zukunft, um mein Geschäft und so weiter.

Wenn man anfängt sich mit Meditation, Karma und Wachstum zu beschäftigen, dann kommt man sehr bald an dem einen Wort nicht mehr vorbei: Dankbarkeit. Man soll dankbar sein. Ein Dankbarkeitstagebuch schreiben – drei Dinge nennen, für die man dankbar ist.

Mir hat das nie etwas gesagt. Versteht mich nicht falsch, ich bin schon dankbar – manchmal sogar fassungslos dankbar – aber es fällt mir schwer, das Gefühl künstlich heraufzubeschwören. Ich fühle nichts auf Zuruf. Allerdings auch sonst nichts.

Wenn man mich fragt, was mir etwas wert ist – dann ist die Liste sehr lange, und beinhaltet viele Dinge, für die ich mit Zähnen und Klauen kämpfen würde. Unter anderem Menschen, die mir wichtig sind, Leidenschaften, die ich verfolge und meine Arbeit. Ich weiss was mir wichtig ist. Doch das Gefühl der Undankbarkeit ist zuweilen viel stärker.

Denn alles wird mir irgendwann einmal, wieder weggenommen. Alles Können, das ich mir aneigne, gerade im sportlichen Bereich wird irgendwann nur noch eine Geschichte sein, die ich jemandem erzähle, der sie gar nicht hören will. So etwas in der Art: «Zu meiner Zeit hat man das noch ganz anders gelernt…»

Fast alle meine Familienmitglieder sind älter als ich. Ich werde sie alle verlieren. Nur meine Schwester ist zwei Jahre Jünger als ich. Sie wird zwei Jahre ohne mich auf dieser Welt sein. Okay. Natürlich kann man, dass nicht so sagen. So rein rechnerisch.

Wer mich kenn, weiss ich habe zwei Katzen. Mein Riese Diego und meine Prinzessin Diva. Zwei wunderschöne Maine Coon Katzen. Rechnerisch gesehen, werden sie ca. 14 Jahre alt. Die älteste Katze der Welt war eine Maine Coon – die über 20 Jahre alt wurde. Also habe ich vielleicht etwas länger mit ihnen. Doch sie werden immer noch gut 40 Jahre vor mir sterben.

Mit dieser Bilanz bin ich nicht zufrieden. Ich bin nicht dankbar dafür, dass ich alles hergeben muss.

Manchmal kommt es mir so vor, als wüsste man so viele Dinge – ohne zu merken, das man sie überhaupt nicht versteht. Es ist als wüsste man die Worte – doch der Satz ergibt keinen Sinn.

Als Kind konnte ich mir nie vorstellen, was «Sich selbst finden» überhaupt bedeuten sollte. Ich fand das reichlich albern. Auch heute noch sagt ein Teil von mir: was für ein Unsinn. Sag bist du eigentlich noch recht bei Trost? Während ein anderer Teil von mir schon längst auf die Suche gegangen ist.

Heute bin ich dankbar. Ich fühle es bis in die Fingerspitzen. Ich bin dankbar für die Farben der Blumen, dieses geschenkten Blumenstrausses auf meinem Tisch. Ich bin dankbar für diese Umarmung. Dankbar für diese Geste die ich überhaupt nicht erwartet habe. Ich bin dankbar für den Wind, der durch die Bäume fährt. Dankbar für diesen Ausflug, für diese Erinnerung. Dankbar für jedes Quäntchen Vorfreude. Ich bin dankbar für Menschen die einfach so, mir ein Geschenk machen, ohne zu Fragen. Und vielleicht gar nicht ahnen wie viel es mir bedeutet. Ich bin dankbar für jede Hand, die sich mir einfach so entgegenstreckt. Und frage mich manchmal im Stillen, womit ich all diese «Geschenke» eigentlich verdiene. Ich habe nichts dafür getan. Genauso wenig für das Glück das einfach so, aus dem Leben für mich hervor geht.

Ich bin dankbar für mein Leben, denn auch wenn ich nicht religiös bin, spüre ich es als ein Geschenk, ein Geschenk, dass nur eine grosszügige «Leihgabe» ist. Denn es wird vorbei gehen.

Ich bin dankbar für dieses Leben und dankbar dafür, dass ich stehts unterwegs sein darf. Dankbar für all die Schwierigkeiten und unebenen Wege – denn ich lerne so Vieles, ich erlebe so Vieles, und ich begegne so vielen einzigartigen Menschen, denen ich auf einem geraden Weg niemals begegnen darf. Und wäre mein Weg gerade gewesen, so hätte ich sie niemals als so einzigartig erkannt, wie sie sind.

Eines Tages werde ich zurückblicken, und sehen, dass alles was einmal von Wert war, vergangen ist. Ich werde auf Verlust und Trauer zurücksehen, auf Vergessen und auf Schmerz und erkennen das alles was Schön war, vergangen ist. Im Schein der Erinnerung wie ein altes vergilbtes Foto, dessen Pracht man sich nur noch ungefähr entsinnt.

Aber ich bin dankbar.

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Bilder: Mary Hong