• Michelle Reznicek

Lieblingsthemen und Sonntage


Eigentlich schreibe ich lieber lange Geschichten. Selbst "Kurzgeschichten" sind für mich erst mit 3-5 Seiten angenehm zu schreiben. So hat man die Gelegenheit tatsächlich eine Geschichte zu schreiben. Und natürlich habe ich wie alle Autoren und Autorinnen meine Lieblingsthemen. Nicht dazu gehören, allen voran: Liebe. Oder Dinge wie: "Aus der Sicht eines Tieres", Dinge die für mich "Nur kitschig" werden können.

Trotzdem nehme ich gerne an Schreibwettbewerben teil und schreibe Dinge zu Themen, die ich mir selbst nicht ausgesucht hätte. Ich trainiere damit so zu sagen mein Gehirn, dehne meine Erfindungsmuskel und bleibe innerhalb einer Zeichenbeschränkung. 2500 Zeiten im jetzigen Fall. 2500 Zeichen sind gerade einmal etwas weniger als eine halbe Seite. Das ist nicht gerade der Platz um einen komplizierten Plot aufzubauen. Eigentlich kann man gar nichts aufbauen.

Man kann ist lediglich ein "Bild" oder einen "Eindruck" zu schildern. Zumindest nach meinem Gefühl.


Heute habe ich hier für euch, die Geschichte die ich zum vorgegeben Thema: "Erlebnisse mit Wildtieren" geschrieben habe. Und ja ich gebe zu - wer an Wildtiere denkt, wird nicht als Erstes an Rehe denken. :-) Aber faktisch gesehen, sind es welche. Also: Viel Spass.


Entschuldigung - sind Sie ein Reh?


Es ist ein wunderschöner Sonntagmorgen. Die Sonne strahlt durch die kühle Luft. Ich gehe den kurzen Weg entlang, ziehe bei der Holzbank noch einmal die Schnürsenkel meiner neuen, violetten Turnschuhe an, richte meine Kopfhörer und atme tief ein.

Dann laufe ich los. Ich schlage ein gemäßigtes Tempo an und die Musik in meinen Ohren versetzt mich in gute Laune. Das Wetter ist herrlich. Die Welt ist schön.

Es ist Asphaltboden. Ich mag ihn nicht zum Laufen, aber es ist nun einmal der einzige Weg weit und breit, auf dem man weiter kommt als 150 m. Es ist ein ländliches Gebiet und ich behalte den Horizont im Auge, damit mich kein Traktor überraschen kann, die hier manchmal ein Tempo anschlagen, als gälte es, ein Rennen zu gewinnen.

Links und rechts von mir sind Felder – links ist es kniehoher Mais, rechts Getreide, das knapp bis zu den Schienbeinen hoch reicht.

Einige Momente lang laufe ich, als wäre ich ganz allein. Weit und breit ist niemand zu sehen. Keine Möchte-gern-Tour-de-France-Fahrradfahrer, der scheinbar um einen geringeren Luftwiederstand zu erlangen, Klingel und Bremsen abmontiert hat oder "Hündeler" deren Hunde gerne die Jagt nach mir, dem zweibeinigen Wildtier mit eigener Soundbeschallung, aufnehmen möchten.

Da höre ich es. Einen Moment denke ich verwirrt über den Ton nach und bin versucht ihn in meine Musik zu integrieren. Ich bleibe stehen und hole den Knopf aus meinem Ohr. Alles ist still. Ich bin verwirrt. Seltsam. Denke ich. Dann laufe ich weiter. Aber da ist es wieder. Ich bleibe stehen und sehe mich nun wirklich um.

Da entdecke ich sie endlich und schaue einen Moment ähnlich dumm aus der Wäsche wie sie. Natürlich weiß ich, dass es hier Rehe gibt. Aber diese Exemplare stehen gerade Mal fünf Meter neben mir im Feld und starren mich an, als ob sie das Starren unsichtbar machen könnte. Ich starre mit hochgezogenen Brauen zurück. Dann – hustet das Reh, das mir näher ist. Und ich meine damit nicht ein Husten, das von einem Verschlucken her rührt. Es lässt ein Husten hören, dass sich anhört wie ein englischer Graf, der zu Wort kommen möchte: «Achem.» Ich starre das Reh an. Nur langsam kommt mir in den Sinn, dass ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, was für ein Geräusch ein Reh macht. Zur Information: Es hustet. Es räuspert sich nochmals: «Achem.» sein Blick sagt deutlich: «Achem. Entschuldigen My Lady, sind sie ein Reh?» Wir starren uns an. Dann, als die Rehe keine Anstalten machen wegzulaufen, gebe ich mir einen Ruck und laufe selbst weiter.

Auf meinem Weg retour, sind die Rehe noch da. Dieses Mal nehmen sie reiß aus, als ich gut 50 Meter entfernt bin, als wäre ich mit der Flinte hinter ihnen her. «Verdammt! Sie ist doch kein Reh!»

Dabei rennen sie elegant, aber ungefähr so unauffällig, als versuchten sie einen dramatischen Filmauftritt zu inszenieren, quer über den Weg.

Ich laufe weiter. Die Welt ist schön.

Und seltsam. Vergessen wir nicht: seltsam.


PS: Diese Kurzgeschichte steht mit einigen anderen auf der Homepage: www.story.one

Alle Storys, von verschiedensten Autoren können gratis gelesen werden. Wenn ihr also Lust habt auf Lesestoff - schaut rein. Und selbstverständlich freue ich mich über ein Link, bei einer Story die euch richtig gut gefallen hat. Ich freu mich auf euch!

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