• Michelle Reznicek

Von den Monstern in unseren Köpfen


Während der drei Monate des Lockdowns, habe ich kaum Menschen getroffen. Geschweig denn mit welchen gesprochen. Ich war sozusagen auf einem fremden Planeten. Auf meinem eigenen.

Jetzt da ich zurückgekehrt bin, treffe ich erneut auf jene Wesen. Ich treffe auf die Monster von anderen.

In meinem Leben bin ich ausgesprochen oft, von sehr schönen, klugen und liebenswerten Frauen umgeben. Manchmal frage ich wie das kommt, dass sie sich ausgerechnet alle in meiner Nähe aufhalten. Sie sind faszinierend, beruflich ausgesprochen interessant und aktiv – ich kenne Tänzerinnen, Forscherinnen, Mathematikerinnen und Flugzeugingenieurinnen und viele mehr. Und sie alle haben nicht nur ihren faszinierenden Beruf gemeinsam – wie alle sind schön.

Und kaum einen Atemzug später, erklärt mir diese und jene wie wenig zufrieden sie mit ihrem Aussehen, oder ihrem Charakter sind. Ich bin verwirrt.

Das gleiche erlebe ich inzwischen, wenn ich mit Kindern arbeite. Auch hier, in einem Alter wo man denken könnte, es ist noch das völlige Alter der Unbefangenheit – sehe ich Kinder die sich für sich schämen und mir sagen: Das kann ich nicht. Ganz ohne es zu versuchen.

Dann stehe ich vor ihnen und versuche ihnen eine Antwort zu geben, die sie weg führt von diesen Gedanken, die ihnen sagten soll, wie schön und einzigartig sie sind. Und dann wird eine leise Stimme in meinem Kopf lauter: Du bist kein Stück besser als sie. Was für ein Vorbild. Genauso halte ich mich immer mal wieder für: Zu dick. Zu dumm. Oder zu hässlich. Von in den Spiegel schauen und zufrieden sein, mit dem was ich sehe, bin ich weit entfernt. Aber inzwischen habe ich gelernt, dass ich nicht immer zufrieden sein muss. Es reicht manchmal.

Trotzdem tue ich vor ihren Augen mein Bestes. Fake it until you make it – oder nicht? Denn Selbsthass kann man sehen. Manchmal träg er gefärbte Haare – mal High-Heels – mal ein überschminktes oder überbräuntes Gesicht, mal sind sie 40 – mal sind sie 12. Und Gesichter hat er viele. Für Kinder die möglicherweise mich als Vorbild sehen, möchte ich keine negativen Dinge aussenden. Schliesslich nehmen sie schon genug von ihren Müttern und Vätern mit. Wenn ihre eigene Mutter sich selbst nicht mag – wie soll ihre Tochter darauf kommen, sich selbst zu mögen? Es ist doch eine ernsthafte Zeitverschwendung, wenn Sie es erst im mittleren Alter, bei einer schmerzhaften Selbsterfahrung lernen müssen.

Aber warum?

Wenn ich mir die Frauen in meinem Umkreis so ansehe, finde ich keinen Grund warum sie nicht zufrieden sein sollten. Manchmal sehe ich ihre Selbstkritik sogar in ihren Bewegungen. Es scheint mir fast, als wären die Monster von unter unserem Bett hervorgekrochen – in unsere Köpfe hinein.

Aber nach welchem Ideal streben wir eigentlich? Ich würde ja gerne ein Bild zeigen, dass das Ideal zeigt, doch die Wahrheit ist, dass es nicht existiert. Es gibt kein allgemeingültiges Schönheitsideal. Keine Passform und kein Schema dem wir entsprechen könnten. Das würde die Sache doch um vieles vereinfachen. Einfach zum Chirurgen – Schablone drüber und gut ist. Aber es ist nicht wahr. Denn selbst die Frau die diese Schablone wäre – wäre nicht zufrieden mit sich selbst. Daraus muss ich schlussfolgern, dass die Monster die uns verflogen, in Wahrheit wenig Form besitzen. Runtergebrochen ist es, die Angst, nicht angenommen zu werden, nicht zu den anderen zu passen und irgendetwas falsch zu machen. wir haben solche Angst dafür etwas falsch zu machen, dass wir sie ausweiten bin auf unseren Körper. Warum ist Angst so diffus? Warum kann man sie oft so schlecht zu ordnen? Möglicherweise ist unser Körper noch nicht so weit – denn die einzige Angst die er kennt ist Schmerzen zu haben und zu Sterben. Die ganzen wenn’s und aber’s, unseres Geistes kennt er gar nicht. Aber sie tun ihm nicht gut. Unsere Psyche beeinflusst unsere Gesundheit. Ein Grund mehr Selbstkritik zu unterlassen.

Eine kluge Frau sagte mal zu mir: Du musst dich nicht selbst fertig machen – überlass das anderen. Und die Kritik mir.

Heute noch muss ich über diesen Satz lachen. Hat es doch eine ganze Menge Wahrheit darin. Wenn alle anderen gegen einem sind, können wir den einzigen Menschen der hinter uns steht doch unmöglich auf die feindliche Seite schicken oder? Wenn wir selbst unser einziges Backup sind – dann müssen wir unbedingt hinter uns selbst stehen. Ansonsten sind die anderen um den stärksten Kämpfer stärker, denn so unglaublich unfair wie wir selbst, kann niemand anderes sein.

Genau so Deus wie unsere Angst ist unser Schönheitsbild. Ganz oft sagt mir jemand, wenn ich ihn frage, was sie denn ändern würde: Dieses Körperteil und oder schlanker. Wenn man dann aber nachfragt, kommt nur eine Antwort heraus: anders. Einfach anders als jetzt. Und das soll einem dann glücklich machen. Doch dabei ist es doch anderes herum – wir sind unzufrieden, unglücklich – und manifestieren es dann in einen vermeintlichen Fehler. Wenn man das lösten könnten – dann wäre alles gut. Doch es ist nur ein Symptom es ist nicht die Krankheit. Doch so ein Fehler ist perfekt – denn er lässt sich niemals lösen. So verdeckt er perfekt das Problem. Das Problem, dass wir uns nicht selbst lieben. Dieser Satz klingt so platt, dass wir ihn nicht mehr hören mögen. Wir hören ihn zu oft. Und machen es nicht. Würden wir nur ein einziges Mal, anstatt die Augen zu verdrehen, die Bedeutung des ganzen erfassen, hätten den Satz erst wirklich verstanden.

Ein Ideal existiert nicht. Man kann kein Bild hochheben und sagen: das ist die perfekte Frau – oder der perfekte Mann. Geschmäcker sind so vielfältig wie es Menschen gibt. Attraktiv sind Menschen, die sich wohl in ihrer Haut fühlen – und da sind wir uns alle einig. Auch wenn man nur einen Meter gross ist, ein Bein fehlt, oder man 100 Kilo zu viel hat – man kann immer noch witzig, charmant, liebenswert und schön sein.

Mit uns selbst verhalten wir uns aber mehr, wie jemand der sich in einer arrangierten Ehe befindet. Uns haben wir vor die Nase gesetzt bekommen – und anstatt uns zu fragen, was für ein Mensch der andere vielleicht ist und ob wir uns vielleicht gut leiden können, konzentrieren wir uns auf unseren Wiederstand. Doch anders als bei einer arrangierten Ehe, kann man nicht über unser Zusammenleben streiten. Wir werden niemals gewinnen. Vielleicht heben wir mal die Decke vom Kopf – und schauen auf die andere Bettseite um herauszufinden, wer der andere ist.

Das bizarre ist: Wir werden nicht von Monstern verflogt. Wir sind die Monster in unseren Köpfen. Denn viele von den Ansprüchen die wir glauben, dass andere sie an uns stellen, spielen sich nur und wirklich nur in unseren Köpfen ab.

Wie oft denken wir, wir müssen Ansprüchen gerecht werden. Doch dass können wir nur, wenn wir die Ansprüche kennen. Wer also Ansprüchen gerecht werden will – sollte sich erst Fragen wie sie aussehen. Ansonsten kann man nur versagen. Dann kann man sich fragen, warum man diesen Ansprüchen genügen will. Sollte man dann damit einverstanden sein – so feel free to be lucky.

Oft höre ich auch: ich will mehr Sport machen. Aber kein warum. Kein Wunder das es dann nicht klappt. Und wenn man dann weiss warum, dann ist es oft: Weil man heute eben Sport macht. Oder weil man fitter oder schlanker sein will – weil man sein optimiertes Ich werden will. Selten höre ich das was mich zu Sport bewegt: Weil es geil ist. Ich sage oft: wer Sport nicht mag – der hat seinen Sport noch nicht gefunden. Und wenn man einfach keinen Bock auf Sport hat – ist doch auch okay. Wir sind nicht alle Sportler. Und das ist auch okay.

Ich weiss das. Und ich muss mir diese genialen Tipps, auch immer wieder anhören.

Ja – ich weiss es. Aber Wissen ist doch schon der erste Schritt zu Besserung – oder?

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong