• Michelle Reznicek

Wer sind die anderen?


Die Anderen sind schuld! Aber Wer sind die «Anderen»?

«Die müssten das mal ändern!»

«Die haben das falsch gemacht!»

«Die oben haben das wieder verbockt!»

«Die andere Abteilung hat mal wieder geschlampt»

«Es waren die Linken»

«Es waren die Rechten»

«Es waren die Ausländer!»

Von allen Seiten schreits: Die sind schuld! Doch wer sind DIE eigentlich?

Es sind die Politiker. Es sind die Ausländer. Die Italiener oder die Franzosen. Die Menschen – die Menschheit. Oder auch gern gesagt: Die Idioten.

Doch noch nie habe ich gehört, dass jemand jemanden verantwortlich macht, den er tatsächlich kennt. Es gibt kein «Feindbild» es gibt ein Feindphantombild. Die Schuld wird blind in die Masse hinausgeschoben – die man nicht kennt.

Wie auf dem schönen SVP Plakat, auf dem man ein schönes Schweizer Mädchen bestaunen kann, mit blonden Zöpfen, wie das jede vernünftige (Arische) Mädchen in der Schweiz hat, dass um ihren Platz fürchten muss, weil sie von den «Wilden» bedrängt wurde. Wilde in Baströckchen, mit Pfeil und Bogen, alle hübsch hässlich und dumm dreinschauend. Weil die Realität auf der anderen Seite der Schweizer Grenze ja genau so aussieht. Und wir sind alle auf der Alm und melken Kühe, während wir Skifahren.

«Die nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg!» Die – wer genau? Arbeitsplätze – welche Arbeitsplätze denn genau?

Die meisten Schweizer würden keinen Putz-Job annehmen, noch dafür für den Lohn der bezahlt wird. Die meisten Ausbildungen die im Ausland abgeschlossen werden, auch anspruchsvolle Studiums werden von der Schweiz nicht akzeptiert. Wundert euch nie, wenn ein LKW-Fahrer aus Polen mehr studiert hat als ihr. Der gutbezahlte Job, um den der Schweizer fürchten sollt, bekommt dieser Ausländer gar nicht. Aber nur so am Rande.

Wer glaubt ihr, ernten hier den Spargel, der das Kilo 9 Fr kostetet? Die Polen, die Tschechen, die Ungaren, die über die Grenze geholt werden als billige Arbeitskräfte.

Jetzt wo bei Corona die Grenze geschlossen wurden, hatten die Bauern reisen Probleme – warum? Ihre Arbeitskräfte durften nicht mehr einreisen. Welcher Schweizer geht auf dem Feld Spargeln ausstechen, für 20 Fr. die Stunde? In ihrem Land ist das immer noch viel Geld, und bei uns wird die Arbeit günstig getan. Wie man das moralisch sehen möchte, bleib dahingestellt.

Die müssen endlich mal was ändern. Gehört eigentlich zu meinen Lieblingssätzen. Das entbindet so schön von jeglicher Verantwortung. Die müssen etwas tun. Das kann man ins Blaue hinaus behaupten, gehört damit zu den Gutmenschen die erkannt haben, und genau wissen, dass man was ändern muss, aber es leider nicht können, weil die Aufgabe nicht bei Ihnen liegt.

Noch selten habe ich von jemandem gehört – es liegt an mir – und deswegen tu ich etwas. Ich verzichte auf etwas. Ich tue was ich kann, auch wenn es noch nicht perfekt ist. Ich leiste meinen Beitrag.

Das ist leider weniger glanzvoll. Das ist leise. Und nur für sich. Dafür gibt es keine grosse Anerkennung. Denn das bleibt ungesehen.

Auch aktuell führen sich so viele – wie kleine Kinder auf. Wir wollen keine Beschränkungen! Maske ist Freiheitsentzug! Aber die sauberen Strassen, den Polizeischutz, die Gesetzte die uns schützen. Die nehmen wir gerne und sind dafür undankbar. Wir stellen nur Ansprüche und wollen nichts dafür leisten. Der Staat ist nicht unsere Mutter, die nur für uns schaut. Der Staat ist der Staat, der für alle schauen muss.

Die Politiker sind schuld. Auch eine schöne Sache. Schön weit weg. Pauschal. Die sind schuld. Damit muss man die Materie nicht besser kennen. Damit muss man sich nicht mit dem Problem auskennen. Damit kann man politisch Glänzen und nicht einmal darüber nachdenken.

Einfach mal ahnungslos in die Gegend meckern. Versteht mich nicht falsch. Politisches Interesse finde ich gut. Aber man soll die Sache auch zu ende denken. Nicht nur meckern. Sondern auch denken.

«Die Ausländer sind schuld!» das finde ich auch immer schön. Denn nie ist die freundliche syrische Nachbarin gemeint, nie der coole griechische Kellner, nicht die kenianischen Kinder von der Wohnung unter uns. Es ist irgendwer gemeint. Der böse Mann, der uns alles wegnimmt. Das Bild das uns gerne gemalt wird. Der böse unangepasste Mensch, der uns bestielt, vergewaltigt und nicht unsere Sprache sprechen will. Den will niemand haben. Natürlich nicht. Aber den will ich auch nicht, haben wenn er Schweizer ist. Ich finde das ist keine Frage von Herkunft. Das ist eine Frage von Moral, Sitte, Anstand und sich an die Gesetzte halten. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Egal wer es begeht. Ob wir sie nach dem Verbrechen, einsperren, oder einsperren und ausweisen, ist eigentlich kein grosser Unterschied, oder nicht? Ich finde es irgendwie sogar besser, wenn man ihn oder sie dann ausweisen kann. (Also für die die ihn ausweisen können) Einen Schweizer muss man behalten.

Jeder sollte seine eigenen Ansichten kennen. Jeder sollte seine eigenen Moralvorstellungen leben. Jeder sollte wissen was ihm oder ihr wichtig ist. Und das dann tun.

Wir sollten uns mehr in andere hinein versetzten und uns auf einander zubewegen. Die Schuld irgendwo hinzu verschieben mag eine kurzfristige Erleichterung sein, doch damit wird sie auch unerreichbar und unveränderbar.

Wir können nicht nur Ansprüche stellen. Wir müssen ihnen auch selbst genügen.

Also. Vielleicht auch zu mir: Sag was Gutes oder Konstruktives oder sag nichts.

© 2020 by Michelle Reznicek. Erstellt mit WIX.COM

Bilder: Mary Hong